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Getrennt

Im Dickicht neben mir raschelt es. Am Geräusch an erkenne ich, dass es sich um ein grosses Tier handeln muss. Wahrscheinlich ein Wildschwein. Ich wurde gewarnt, dass sie hier sind und trotzdem habe ich mich entschlossen im Zelt zu schlafen, wollte nicht eingestehen, dass ich, der Naturmensch, die Waldfee, Angst habe vor dem, was in den Büschen lauert und vor allem in der Dunkelheit.

Das Tier muss wirklich gerade neben mir sein. Mein Herz rutscht mir in die Hose und gleichzeitig schlägt es mir bis zum Hals. Ich habe wirklich Angst und bin erstaunt, denn plötzlich möchte ich nicht mehr in der Natur sein. Ich flüchte mich in mein Zelt und verfluche meinen Wagemut. Warum wollte ich unbedingt im Zelt schlafen, wenn ich doch auch ein Zimmer hätte buchen können? Ich fühle mich unwohl, möchte mich verkriechen. Für einen kurzen Moment bieten mir die Zeltwände Schutz, doch dann sehe ich im schummrigen Licht der Taschenlampe sie: mehrere dünne Beine, die aus einer Luke hervorkrabbeln. Wem sie gehören sehe ich nicht, doch es muss eine gewaltige Spinne sein. Sofort schliesse ich meine Augen. Bitte, Mutter Erde beschütze mich, bete ich, während ich mich in mein Laken hülle. Bitte, Mutter Erde beschütze mich. Immer wieder und drifte in den Schlaf.


In Konversation mit der Natur. Silvana Candreia im Bach.

Doch genau das ist sie ja, die Mutter Erde. Sie ist das Tier im Gebüsch, die Insekten im Dickicht, die Spinne im Zelt, das mich nur scheinbar von da draussen trennt. Das "da draussen" ist Mutter Erde. Plötzlich bin ich wieder das Stadtmädchen, plötzlich bin ich wieder getrennt von der Natur an einem Ort, der mit der Natur lebt. Plötzlich sehne ich mich nach soliden Wänden, die mich trennen von da draussen, mich beschützen. Und plötzlich sehne ich mich wieder nach allen komfortable Einrichtungen, obwohl ich mich bewusst dazu entschieden habe, in meinem Urlaub eben noch näher mit der Natur zu leben, was heisst, dass ich durch die Dunkelheit des kleinen Waldes zur Komposttoilette laufen muss. Nicht im Traum hätte ich daran gedacht, dass ich, die die Natur so liebt, die sie schützen will, die so viel Inspiration von ihr erhält, plötzlich nicht mehr in ihr sein möchte.


Als ich am nächsten Morgen erwache und das Tageslicht beinahe alle Sorgen und Ängste fortgewischt hat, bin ich immer noch erstaunt über den gestrigen Abend und vor allem über meine Reaktion. Sofort kommt mir der Gedanke an die Trennung. Wie wir alle, mehr oder weniger, getrennt von der Natur leben. Wohl schätzen und lieben wir die Natur, sehen ihre Schönheit, erholen uns in ihr, doch das Ungemütliche blenden wir aus. Vielleicht ist es keine bedingungslose Liebe. Die Krabbelnden, Stechenden, Beissenden gehören nicht in unser schönes Bild der Natur. Obwohl wir Natur sind, lassen wir sie nicht immer zu. Wortwörtlich bauen wir Wände um uns auf, um uns von ihr zu trennen. Wir betonieren sie zu, betrachten sie durch Glasscheiben, sind sehr wählerisch, welche Teile von ihr bei uns willkommen sind und welche nicht. Wir fürchten und ekeln uns vor etwas, das in den Kreislauf der Natur gehört. Alles hat seinen Platz im Ökosystem und ich frage mich, was unserer ist? Haben wir uns so sehr getrennt, dass wir unseren Platz vielleicht sogar schon verloren haben? Die Menschen versus die Natur.

Barfuss durch den Wald

Ich möchte nicht Teil dieses Versus' sein. Ich möchte nicht dieser Mensch sein, der Bedingungen an die Natur stellt: ich liebe dich, aber nur wenn du mir deine Achtbeiner vom Leibe hältst. Die letzte Nacht hat mir wieder gezeigt, woran ich noch arbeiten muss, damit ich mich in der Natur zuhause, wohl und sicher fühle. Sie hat mir meine altbekannte Angst vor der Dunkelheit wieder vor Augen geführt und in mir die Entschlossenheit geweckt, mich mit ihr anzufreunden, genau so wie mit den unbekannten Raschlern im Gebüsch und mit den Spinnen in meinen Räumen. Denn der Kern meiner Arbeit mit "crappa e plema" dreht sich ja eigentlich genau darum: Vollkommen in und mit der Natur zu sein und da gehören nun mal alle Wesen dazu. Der Schlüssel dazu, meine ich, ist Neugier und Offenheit mit einer Portion Mut vermischt.


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Ich bin auch Yoga Lehrerin und führe Rituale und Retreats in der Natur durch. Vielleicht sehen wir uns mal auf der Matte?

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