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Der Sonne entgegen

Beinahe hätte ich sie verpasst. Doch an diesem September Nachmittag glänzt plötzlich ein heller Bauch im goldenen Sonnenlicht. Voller Freude schaue ich den letzten Schwalben zu, wie sie ihre Runden über dem Dorf drehen, sich immer weiter in Richtung Süden bewegen, der Sonne entgegen. Ich will diesen Moment festhalten, ein Souvenir an unsere gemeinsame Zeit haben. Schnell zücke ich mein Handy und halte seine Kamera blindlings in den Himmel. Ich drücke ab, nicht wissend, ob darauf überhaupt etwas zu erkennen ist. Doch das ist mir egal, ich brauche diese Erinnerung. Ich habe die Schwalben so sehr ins Herz geschlossen, dass es jedes Mal ein klein wenig bricht, wenn die Nächte plötzlich länger sind als die Tage. Die Schwalben sind für mich das pure Zeichen des Sommers. Wenn sie Ende März auf einmal wieder den Himmel verzieren mit ihren Flügeltänzen und ihre Stimmen mich morgens aus dem Schlaf holen, möchte ich jubeln, ein Fest für sie veranstalten. Ich frage mich, ob sie sich auch an mich erinnern. Sind es die gleichen Schwalben, die letztes Jahr schon hier waren, die im Frühjahr zurückkehren? Sechs Monate lang darf ich mich ab ihnen erfreuen und eigentlich sollte das ja genug sein. Doch dieses Jahr habe ich ihren Abflug irgendwie verpasst. Es stimmte mich traurig, dass ich ihnen nicht danke sagen, ihnen nicht nachwinken konnte. Die bekannte Wehmut, die die Abwesenheit der Schwalben mit sich bringt, überkam mich und ich wusste, was ich nicht wissen wollte: Der Sommer ist vorbei.


Nadelwald im Herbstlicht

Ist es nicht merkwürdig, welch widersprüchliche Gefühle der Wechsel vom Sommer in den Herbst mit sich bringt? Einerseits freue ich mich auf die Erfrischung und die neue Jahreszeit. September und Oktober sind wohl die schönsten Monate hier in den Bergen. Das Licht, die Wärme, die Farben. Unbeschreiblich schön. Und doch ist da immer diese Melancholie, dieser bittersüsse Abschied. Jedes Jahr. Auch die Natur scheint sich dieses Jahr nicht so recht entscheiden zu können. Der Sommer hält immer noch fest, kehrt immer wieder zurück, kann es noch nicht lassen, sein Zepter dem Herbst abzugeben. Dieser begnügt sich mit der Regentschaft über die Nächte, die kühl sind und länger werden als die Tage. Auch die Schwalben konnten sich anscheinend noch nicht definitiv entscheiden. Die wenigen Übriggebliebenen fechten noch denselben Kampf aus wie der Sommer: gehen oder bleiben. Doch wir wissen alle, wie dieser ausgehen wird. Irgendwann kam der Herbst noch immer. Irgendwann wird er der alleinige Herrscher sein. Er wird den Bäumen ein neues Kleid anziehen, während die Schwalben in wärmeren Gefilden ihr Leben weiterleben.


Kannst du die Schwalben am Septemberhimmel erkennen?


Und so kann ich es an diesem Nachmittag kaum glauben, dass ich meine Chance doch noch nicht verpasst habe. Die von der Sonne goldigen Bäuchlein dieser letzten Schwalben sind wie ein kleines Feuerwerk für mich. Ich schaue ihnen zu und wünsche ihnen in Gedanken alles Gute. "Grüsst mir das Meer", rufe ich den Nachzüglern nach. Obschon ich gar nicht so genau weiss, wohin es meine Schwalben, die Schwalben von Stierva, zieht. In meiner Vorstellung sind es immer dieselben Vögel, die hier sind und gleichzeitig ihr zweites Zuhause irgendwo im Norden Afrikas haben. Es verbindet uns ein unzertrennbares Band, das die Schwalben wissen lässt, wann es Zeit ist zu uns zurückzukehren. Dann überqueren sie die Sahara und das Mittelmeer, nur mit einem Ziel vor Augen: die Berge zu erreichen. Ich habe gelesen, dass man lange gar nicht wusste, wohin es unsere Schwalben im Winter zieht und dass erst vor Kurzem überhaupt herausgefunden wurde, wo die Vögel überwintern. Es fasziniert mich, wie wenig wir eigentlich wissen. Niemals würden wir Menschen den Weg intuitiv von Stierva zum Golf von Guinea und wieder zurück kennen. Doch die Schwalben schon. Sie legen ihn Jahr für Jahr nicht nur zurück, sondern sie kennen auch den genauen Zeitpunkt, ohne dass sie einen Kalender besässen. Ihr Kalender und ihr Navigationsgerät ist die Natur. Die Natur, die schon weiss, was sie tut. Dieser Gedanken besänftigt mich in der Zeit des Übergangs. Die Natur weiss schon, was sie tut, wenn sie den Sommer gehen lässt. Wenn sie Platz schafft für den Herbst und sich beginnt auf die Ruhe vorzubereiten. Die Natur weiss schon, was sie tut, wenn sie ein paar wenige Schwalben noch ein wenig länger bei uns verweilen lässt. Vielleicht einfach, um uns den Übergang zu erleichtern und uns zu sagen, dass die Schwalben schon bald wiederkommen. Sie weiss schon, was sie tut, auch wenn es für uns Menschen manchmal nicht entschlüsselbar scheint. Wir müssen sie ihr Ding machen lassen und ich muss die Schwalben nun gehen lassen. In Richtung Süden, der Sonne entgegen. Zum Glück habe ich diese verwackelten Fotos als Erinnerung, die ich mit mir durch den Winter und die Dunkelheit tragen kann.


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Ich bin auch Yoga Lehrerin und führe Rituale und Retreats in der Natur durch. Vielleicht sehen wir uns mal auf der Matte?

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