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Eine Adventsgeschichte {Teil 4}

Ein modernes Wintermärchen für Erwachsene und Kinder.

Lies die ersten drei Teile der Geschichte hier.

Höre dazu den Song zu diesem Teil der Geschichte: winter.


"Mina und der wunderbare Winterwald", eine moderne Adventsgeschichte.

Im Inneren der Eiche ist es dunkel und Minas Augen brauchen eine Weile, um sich den Lichtverhältnissen im Baum anzupassen und überhaupt etwas erkennen zu können. Ganz allmählich beginnt sie schemenhaft die faltigen Wände der Baumhöhle wahrzunehmen. Sie sind höher und weiter als sie gedacht hätte. Der gesamte Raum ähnelt eher einem Saal. Am anderen Ende kann Mina ein paar Unregelmässigkeiten in der Rinde ausmachen. Wie ein Magnet zieht es sie dorthin. Ihre Schritte wecken das Echo im Bauminnern, jeder ein klein wenig zu laut, denn die Ruhe, die sie umgibt, ist nicht vergleichbar mit der Ruhe draussen im Wald. Sie ist beinahe greifbar, hat etwas Heiliges an sich, etwas unglaublich Würdiges. Ehrfurcht ergreift Mina. Ganz bedächtig geht sie weiter auf die Ausbuchtungen in der Wand zu. Kurz bevor sie ankommt, sieht Mina, dass es sich dabei um ein Gesicht handelt. Ein riesiges, faltiges Gesicht, das ihr aus der Baumrinde entgegenschaut, wie das einer alten Frau. Freundlich blickt die Baumfrau zu Mina hinunter und lächelt sie wissend an. Jedes Wesen hier scheint freundlich und nett zu sein und genau zu wissen, was hier abgeht. Da platzt Mina der Kragen und lauter als beabsichtigt, schleudert sie der Baumfrau entgegen: «Kann mir jemand bitte endlich mal sagen, was hier los ist?! Bin ich nun endgültig wahnsinnig geworden?! Es kann doch nicht sein, dass ich hier mit Vögeln, Schneeflocken und Bäumen spreche!»

Doch das Lächeln der Baumfrau wird nur grösser und sie blinzelt Mina einige Male zu. Obwohl ihr Mund sich nicht bewegt und Mina sich auch sicher ist, dass es nicht sie selbst ist, die spricht, hört sie die Antwort: «Spielt es denn eine Rolle, ob das alles wirklich passiert oder ob es lediglich ein Spiel deiner Fantasie ist?»

Mina hält für einen Moment inne. Ja, spielt es eine Rolle? Nein, eigentlich nicht. Was sie hier gerade erlebt, ist bestimmt wunderlich, doch irgendwie ja auch aufregend und schön. Das Kind in ihr freut sich sogar über das Abenteuer, das voll von Magie ist. «Die Magie kannst du überall finden», speist die Baumfrau Minas Gedanken.

Mina setzt sich auf den Boden des Baumsaales und lehnt ihren Kopf an die Wand. Sie schliesst ihre Augen und seufzt tief. Plötzlich fühlt sie sich erschöpft und auch die Rastlosigkeit des Morgens macht sich wieder bemerkbar. Wie gerne hätte sie die Magie doch in ihrem Leben, gerade jetzt zur Weihnachtszeit. Für Mina lag der Zauber dieser Zeit eigentlich in der Ruhe, die sie aber niemals bekam, weil die Welt noch schneller als sonst zu drehen schien.

«Ich bin müde und weiss nicht, was ich tun soll», spricht sie aus, was schon lange in ihr schlummert. Und weil sie sich nun mal im Gespräch mit einem Baumwesen befindet, kann sie ja auch ehrlich sein. Leise spricht Mina weiter: «Ehrlich gesagt bin ich nicht zufrieden. Ich habe diese Vorstellung, wie mein Leben sein soll, doch ich schaffe es nicht, mich vorwärts zu bewegen und etwas zu verändern. Was kann ich tun, damit es mir besser geht?»

Die Antwort der Baumfrau lässt nicht auf sich warten, doch sie fällt völlig anders aus, als Mina erwartet hatte: «Nichts.»

«Wie bitte?», erwidert Mina.

«Nichts sollst du tun. Siehst du denn nicht meine Krone? Sie ist nackt, alle meine Lebenskräfte habe ich in meine Wurzeln zurückgezogen. Du bist ich, Mina, verstehst du das denn nicht? Es ist Winter und nun ist es Zeit für uns zu ruhen.»


Vollkommen verwirrt sitzt Mina da, während die Baumfrau ihre riesengrossen Augenlider schliesst. Zweifelsohne verfällt sie wieder in ihren tiefen Schlaf. Mina steht da als hätte ihr jemand eine Ohrfeige verpasst. Die Antwort, die sie hier in diesem wunderlichen Wald bekommen hat, ist eigentlich so einfach und einleuchtend. Klar, die Natur schläft derzeit, alles wird ruhig und hält inne. Das heisst aber nicht, dass die Natur nicht mehr lebt. Unter der Oberfläche geht es weiter. Die Eiche hat bereits Knospen gebildet für den nächsten Frühling, aber wenn sie sich diese Winterpause nicht gönnt, dann würden ihre Kräfte viel zu schnell erschöpfen. «Aha, damit die Eiche wachsen kann, braucht sie eine Pause. Damit ich wachsen kann, brauche auch ich eine Pause», erklärt es Mina sich selbst.

Noch eine Weile sitzt sie da, in diesem riesigen Baumsaal, während die Eiche weiterhin friedlich schläft. Dann steht Mina auf und verlässt den Baum leisen Schrittes.


Draussen ist die Dämmerung angebrochen, doch die nahende Dunkelheit macht keine Angst. Im Gegenteil: Sie vermittelt die Gemütlichkeit, nach der sich Mina bereits die ganze Zeit gesehnt hat. Im schwindenden Licht leuchten die Schneeflockenfeen, die vergnügt ihren winterlichen Tanz aufführen. Ein ganz besonderer Zauber liegt dieser Szene inne. Wie aus einem Märchen, geht es Mina durch den Kopf. Und dann bemerkt sie die Ruhe, die nun auch auf sie übergeschwappt ist. Wieder einmal hat der Wald ihr die Antwort auf ihre Verzweiflung gegeben.

Das Rotkehlchen, das auf einem der unteren Äste gewartet hat, flattert wieder auf Mina zu und nimmt seinen Stammplatz auf ihrer Schulter ein. Es kuschelt sein weiches Federkleid ganz nah an Minas Hals, die dieses Mal ihren rechten Arm ausstreckt und sanft über das Gefieder des kleinen Vogels streicht, als wäre es das Normalste der Welt. «Ja, nun bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mir die Ruhe des Winter in meine geschäftige Welt zu holen. Ich will wie die Eiche sein und nichts tun, damit ich im Frühling wieder mit voller Kraft erblühen kann», flüstert Mina dem Rotkehlchen leise zu und setzt sich wieder an eine Wurzel gelehnt auf den Waldboden. Die Schneeflockenfeen beginnen um sie herumzutanzen. Sie lächeln ihr zu und streichen ihr über die Augenlieder, jede Berührung ein magisches Schlaflied, bis Mina schon kurz darauf in einen tiefen, ruhsamen Schlaf verfällt.

 

Mina schlägt ihre Augen auf. Sie blinzelt, denn das Sonnenlicht scheint hell in ihr Gesicht. Verschwommen nimmt sie die Waldlichtung wahr. Mit der Hand greift sie nach ihrer linken Schulter, die leer ist. Ihre Umgebung wird immer klarer. Der Schnee ist weg, die Eiche hat wieder ihre normale Grösse eingenommen. Mina steht etwas verwirrt auf, dreht sich einmal langsam im Kreis und schaut sich um. Sie ist wieder im vertrauten Wald, einzelne Schneeflocken fallen vom Himmel, während die Sonne durch die Wolken bricht. Ich muss wohl geträumt haben, denkt Mina für sich. Doch von der anfänglichen Verwirrung, vom Stressgefühl, das sie den ganzen Tag begleitet hat, ist nichts mehr zu spüren, wie weggeblasen. Oder weggeträumt…

«Was nun?», fragt Mina laut in den Wald hinaus. Die Eiche, an der sie vor Kurzem noch gesessen ist, schaut sie stumm und ruhig an. «Nichts», scheint sie zu sagen. Mina lächelt vor sich hin, dreht sich um und macht sich gemütlichen Schrittes auf den Weg nach Hause, wo nichts anderes auf sie wartet als eine heisse Tasse Kakao, die bei Kerzenschein genossen werden will. Und würde Mina sich umdrehen, dann sähe sie, dass ein kleiner brauner Vogel mit roter Kehle und weissem Bauch ihr von Baum zu Baum bis zum Waldrand folgt.


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Ich bin auch Yoga Lehrerin und führe Rituale und Retreats in der Natur durch. Vielleicht sehen wir uns mal auf der Matte?

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