Der Ruf der Langsamkeit

Aktualisiert: 10. Sept.

Ich laufe durch den Wald, der mein neues Zuhause geworden ist, laufe auf Pfaden, die bereits seit Generationen begangen werden. Die Bäume stehen scheinbar still da, strecken mir ihre Äste entgegen, wie um mir die Hand zur Begrüssung zu geben. Sanft streiche ich über die Fichtennadeln und schaue hoch in die Kronen. Ich kenne diese Bäume, ich kenne dieses Land: nicht nur die Bäume, auch die anderen Pflanzen, die Steine, das Wasser, die Wesen, die hier hausen. Und sie kennen mich. Das spüre ich. Mein täglicher Spaziergang ist so viel mehr als einfach das. Er ist wie eine kleine Pilgerreise. Eine Meditation. Ein Zurückkehren zu mir selbst. Und in diesen Momenten weiss ich, was ich eigentlich schon immer wusste: Ich bin Teil der Natur und die Natur ist Teil von mir. Es gibt keine Grenze zwischen uns, keine Trennung. Irgendwann im Verlauf meines Lebens habe ich das vergessen, wie so viele Menschen auf dieser Welt. Aber nun erinnere ich mich immer wieder und ich weiss mit absoluter Sicherheit, dass es so ist: Wir sind Teil der Natur.

Silvana Candreia im Weideröschen-Feld

Der Rhythmus der Natur

Wieso haben wir vergessen, dass wir Natur sind? Würden wir nicht ganz anders mit ihr umgehen, wenn wir uns alle wieder zurückerinnern würden, dass das, was wir zerstören, wir selbst sind? Würden wir nicht auch ganz anders mit uns selbst umgehen, wenn wir uns wieder bewusst machen würden, dass wir Natur sind? Gerade jetzt im Übergang vom Spätsommer in den Herbst spürst vielleicht auch du, dass sich nicht nur das Erscheinungsbild der Landschaft, sondern auch etwas in dir verändert. Die Natur hat ihren eigenen Rhythmus, den wir alle, egal wie verbunden oder getrennt wir von Mutter Erde sind, in den Jahreszeiten erkennen können. Im Verlauf des Jahreszyklus verändert sie sich. Sie wechselt nicht nur ihre Erscheinung, ihr Kleid, auch die Energie, die uns umgibt wird anders. Wenn im Frühling alles wieder erwacht, die Blumen zu blühen beginnen und die Tage länger werden, können wir den Aufschwung auch in uns selbst spüren. Wenn der Sommer übernimmt und die Sonne ihre volle Kraft entfaltet, alles wächst und Früchte hervorbringt, dann sind auch wir Menschen oftmals in unserer Kraft. Unser Leben spielt sich dann viel mehr draussen ab, wir sind extrovertierter, was jetzt im Herbst dann wieder abnimmt. Unser Fokus beginnt wieder nach Innen zu wandern, es gilt loszulassen, aber auch die Früchte unserer Arbeit -sprich- und wortwörtlich- zu ernten. Denn auch hier zeigt es uns die Natur vor. Die Blätter der Bäume verfärben sich und fallen zu Boden, die Tage werden wieder kürzer und kälter. Und wenn dann der Winter einzieht, der Boden gefriert, die Bäume kahl sind und die Erde unter einer Schneedecke liegt, dann ist es auch Zeit für uns zu ruhen und zu träumen. Denn die Natur lebt es uns vor: Wachstum braucht Pausen.


Die Energie des Herbstes

Seit ein paar Tagen spüre ich den Ruf der Langsamkeit in mir. Die Schwalben sind zwar immer noch da, die Tage immer noch warm, aber die Farbe der Lärchennadeln beginnt sich schon zu verändern und mit ihr auch die Energie des Waldes. Ich spüre das Bedürfnis in mir, länger zu schlafen, mich zurückzuziehen, aufzuräumen und einfach zu sein. Ich spüre wie mein ganzes System dem Ruf der Langsamkeit folgen möchte, weil es, seit ich hier in den Bergen wohne, wieder viel verbundener ist mit den natürlichen Rhythmen, aber Vieles in mir sträubt sich gegen diese Langsamkeit. Wenn ich auf dem Liegestuhl liege und die letzten Sonnenstrahlen aufsauge, höre ich eine strenge Stimme in mir, die mich scheltet und vorantreiben möchte. Wenn ich bis 8 Uhr schlafe, meldet sich jemand in mir, der mir anstatt guten Morgen zu wünschen, einen Peitschenhieb verpasst. Wenn ich nachmittags lieber am Bach sitze als am Computer, redet mir jemand ein, dass ich so also nie irgendetwas erreichen werde und dass sich meine Rechnungen nicht von selbst zahlen und dass ich heute also wirklich noch nicht genug getan habe, ach ja und Sport! Sport sollte ich auch wieder mal treiben, denn die Schokoladenreihen würden sich ja nicht von selbst abtrainieren.

Ich habe diese Stimme so satt, weshalb ich mich nun dazu entschlossen habe, mir wirklich die Erlaubnis zu geben, dem Ruf des Herbstes und der Langsamkeit folgen zu dürfen. Es ist ein innerer Kampf, aber ich spüre mit jeder Faser meines Seins, dass ich ein zyklisches Wesen bin und dass ich lieber auf diesen Rhythmus hören möchte anstatt auf denjenigen, der mir meine innere strenge Stimme vorklatscht. Es ist nichts falsch an der Energie des Aufschwungs, des Tuns und der Extrovertiertheit. Auch sie haben ihren Platz, aber gerade ist es nicht die Zeit dafür. Die Natur zeigt es vor, sie ist mein Spiegel: ich darf mich zurückziehen, ich darf ernten und loslassen, ich darf ruhiger und nach einem schwungvollen Sommer auch wieder langsamer werden.


Erlaubnis

Vielleicht spürst du ihn auch, den Ruf der Langsamkeit, und vielleicht kennst du diesen inneren Kampf auch. Und vielleicht brauchst auch du die Erlaubnis langsamer werden zu dürfen, dann nimm meine Worte als Zeichen dafür, dass es ok ist, wenn du gerade nicht so produktiv bist, dass es ok ist, dass du einen Gang runter schalten möchtest. Wir befinden uns alle in einem zyklischen Leben und haben einfach verlernt, darauf zu achten. Doch nun ist es an der Zeit, wieder zu uns selbst zurückzukehren, denn es gibt keine Trennung zwischen uns und der Natur. Wir sind Natur. Ich, du, wir alle!


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