Krafttier

Vielleicht kennst du es: du kommst an einen Ort, der dir so vertraut ist, als ob du schon zig Mal hier gewesen wärst. Oder du triffst jemanden zum ersten Mal und es ist, wie wenn ihr euch schon lange kennen würdet. Einen solchen Moment hatte ich, als ich zu ersten Mal einer Meeresschildkröte leibhaftig begegnete.

Ich war das erste Mal alleine und über mehrere Monate weit von zu Hause weg. Das angstvolle Mädchen, das ich mit 19 war, suchte sich ausgerechnet den am weitesten von der Schweiz entfernten Ort für einen Sprachaufenthalt aus, den australischen Kontinenten. Über Ostern ging ich mit meinen neuen Freunden auf einen Roadtrip der Ostküste entlang Richtung Norden. Unser Ziel: das äussere Great Barrier Reef zu erreichen, um dort schnorcheln zu gehen. Ich glaube nicht, dass ich grosse Erwartungen an den Bootsausflug hatte, ich war schon immer ein Wassermensch, liebte das Meer und wollte einfach die vielen bunten Fische sehen. Als ich dann ins türkisblaue Wasser sprang, ausgerüstet mit Schnorchel und Taucherbrille, liess sie nicht lange auf sich warten. Eine wunderschöne ausgewachsene Meeresschildkröte blickte mir entgegen. Sie zog mich vollkommen in ihren Bann und etwas in mir machte klick. Für einen Moment stand die Zeit still, es gab nur sie und mich und ich wusste… ich wusste, dass ich zu dieser Schildkröte gehörte. Sie strahlte eine Kraft auf mich aus, ich spürte ihre unglaubliche Weisheit und wusste, dass ich von nun an immer wieder die Präsenz dieses Tieres suchen musste. Was ich nach diesem sehr spirituellen Erlebnis, das ich als 19-jährige noch nicht so richtig deuten konnte, auch tat. All meine grösseren Reisen führten mich von nun an an Gewässer, wo ich mich wieder mit meinen Schildkröten verbinden konnte. Von Hawaii über Panama nach Griechenland, wo ich die Meeresschildkröten einen Sommer lang noch viel näher kennen lernen durfte.

Die unzähligen Begegnungen mit den Schildkröten haben immer wieder bestätigt, was ich bei diesem ersten Mal in den Gewässern Australiens gespürt habe: Die Meeresschildkröte ist meine Lebensbegleiterin, mein Krafttier, mein Seelenverbindung. Das intuitive Wissen dieser Tiere inspiriert mich so sehr. Frisch geschlüpft wissen sie instinktiv, dass sie dem hellsten Horizont folgen müssen, um ihre Heimat, das Meer, zu finden. Sie wachsen langsam heran und kehren, wenn es ein Weibchen ist, nach zwanzig Jahren wieder an denselben Ort zurück, an welchem sie selbst geschlüpft sind, um dort ihre Eier zu legen. Ihre Intuition kennt den Weg, auch wenn sie tausende von Kilometern davon entfernt sind und seit ihrer Geburt nicht mehr dort waren.

Es lässt mich daran denken, dass wir alle diese Weisheit in uns finden können, dass sie eigentlich etwas ganz Natürliches ist und wie auch wir tief in uns drin diese Stimme haben, die uns führt.

Und wenn ich sie mal nicht so deutlich spüre, so nehme ich mir ein Beispiel an den kleinen Schildkröten und folge einfach dem hellsten Horizont. =)


Kleine Karettschildkröte in Griechenland

Tony

Heute Morgen noch vor Sonnenaufgang habe ich dich ganz verlassen am Strand von Kalo Nero gefunden. Du lagst unter einem kleinen Bambustipi auf deinem Rücken. Ich weiss, dass dieses Tipi bedeutet, dass man dich geschwächt im Nest gefunden hat und um dir ein bisschen Zeit zu verschaffen, hat man dich nochmals vergraben, denn im Sand bist du vor der Sonne und deinen Feinden geschützt. Fast hätte ich dich nicht gesehen, so klein und dunkel wie du bist. Wer eine Schildkröte findet, darf ihr einen Namen geben. Tony habe ich dich genannt. Immer wieder hast du den Kopf gehoben und das Meer gesucht. Ich habe dir geholfen. Damit du auch den richtigen Weg einschlägst, habe ich dir einen kleinen Graben geschaufelt und dich mit meinem Körper vor der aufgehenden Sonne und den vielen streundenden Hunden geschützt, die mit dir spielen wollten. Aber für dich war es kein Spiel, für dich war es ein Kampf. Eine geschlagene Stunde hast du dich mit deinen kleinen Flossen die 10 Meter bis zum Wasser vorangekämpft. Immer wieder wolltest du schlappmachen, dich ausruhen, vielleicht auch aufgeben. Aber dein Instinkt war stärker und schlussendlich bist du ins Wasser gepurzelt. Einige Male haben die Wellen deinen winzigen Körper wieder zu mir zurückgespült, aber dann hast du es plötzlich geschafft. Ich habe dir nachgeschaut, als die Wellen dich forttrugen und mir gewünscht, dass du weiterhin kämpfst. Dass du zu einer stattlichen Schildkröte heranwächst und in deinem langen Leben das gesamte Mittelmeer erkundest. Du hast mir eine wunderbare Erinnerung verschafft, liebe Tony, mir eine Stunde vollständiger Achtsamkeit geschenkt und mein Herz erwärmt.


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