Das Wald-Gen

Eigentlich wollte er an diesem Tag gar nicht mehr in den Wald. Doch letztens hatte er dieses schöne Stück Holz im Wald auf der anderen Dorfseite gesehen. Aus diesem könnte vielleicht eine schöne Figur entstehen, meinte er, obwohl er sich vor Kurzem eigentlich entschieden hatte, seine Holzwerkstatt zu schliessen.

Er war kein Mann grosser Gesten. Aber an diesem Tag brachte er seiner Frau einen kleinen Strauss Nelken, ihre Lieblingsblumen. Und dann ging er ein letztes Mal in den Wald, um zu seinem Zuhause zurückzukehren.


Als mein Grossvater, mein Neni, starb, war ich zehn und die Erinnerungen an ihn sind über die Jahre verblasst. Aber er kam mir neulich in den Sinn, als ich im Wald spazieren ging. Der Wald, schon wieder... er erscheint mir für mein nächstes Lebenskapitel so wichtig und vielleicht musste ich deswegen plötzlich an meinen Neni denken, denn der Wald war sein Reich. Vielleicht erwacht in mir nun ein Wald-Gen, das ich vielleicht von ihm geerbt habe. Wie dem auch sei, der Gedanke gefällt mir.


Mein Neni war ein stiller Mann, praktisch veranlagt. Eine Ruhe ging von ihm aus, die auch unsere damalige Katze Minka gespürt haben muss. Denn dieses sonst so kratzbürstige Tier, konnte stundenlang auf seinem Schoss sitzen und wurde in seiner Gegenwart zu einem kleinen Schmusetiger, während ich sie nicht einmal streicheln durfte ohne einen Pfotenhieb zu kassieren (und wenn du mich kennst, dann kannst du dir vorstellen, wie schwer diese Situation für mich war!).

An Weihnachten holte Neni immer seine alte Handorgel hervor und spielte den Schneewalzer. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob er auch noch andere Lieder im Repertoire hatte. Aber daran, dass er manchmal Weihnachtslieder lustig umtextete, erinnere ich mich noch. (Aus "Oh Tannenbaum" wurde zum Beispiel "Oh Arosabahn".)

Wenn ich an meinen Neni denke, dann ist da automatisch auch der Gedanke an seine Holzschnitzereien. In seiner Freizeit stellte er Weihnachtskrippen und Holzfiguren her, die er dann auf Märkten verkaufte.

Die Krippe, die Neni für mich machte.

Noch heute verbinde ich den Geruch von gesägtem Holz mit ihm und seiner Werkstatt im Keller des Hauses meiner Grosseltern. Diese gibt es immer noch, obwohl mein Neni schon vor langer Zeit gegangen ist.

Auch wenn die Erinnerungen an ihn bruchstückhaft sind, erkenne ich heute, dass hinter dem pragmatischen Mann ein Künstlerherz geschlagen haben muss. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit stellen wir seine Krippen auf und jedes Jahr bin ich wieder von Neuem erstaunt, mit welcher Sorgfalt und Liebe der Stall gebaut, die Schafe, Kamele, Könige und Hirten geschnitzt wurden. Diese Krippe ist wirklich eine meiner wertvollsten Habseligkeiten.

Es muss seine Leidenschaft gewesen sein, aus Holz diese kleinen Kunstwerke zu erschaffen und ich weiss nicht, warum er sich mit 76 Jahren dazu entschied, sie aufzugeben, bedeutete sie ihm doch so viel. Jedenfalls räumte er seine Werkstatt auf, schloss die Tür und verkündete, dass nun Schluss sei mit den Weihnachtskrippen.

Ich glaube, es war meine Mama, die ihn dann gebeten hat, wenigstens noch für all seine Enkel und Enkelinnen eine solche Krippe herzustellen, damit sie eine schöne Erinnerung an ihn hätten. Wahrscheinlich wusste er mit so viel Sentimentalität nicht sehr viel anzufangen und doch machte er sich nochmals an die Arbeit, zimmerte über zehn Krippen, alle unterschiedlich, schnitze zu jeder Krippe fünfzehn Figuren, verpackte sie feinsäuberlich in einem Karton und lagerte sie auf einem Regal in seiner Werkstatt, bereit um von seinen Enkelkindern mitgenommen zu werden. Und dann machte er sich auf in den Wald. Ein letztes Mal, denn er schlief unter dem Baum mit dem schönen Holzstück ein.


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