Herbst

Aktualisiert: 14. Feb.

Der Wind bläst, er lässt die Blätter bewegen. Ich atme die frische Luft ein und wieder aus. Tief ein und wieder aus.

Das Licht ist golden, die Lärchen färben sich, der Frost hüllt uns ein und die Bergspitzen sind weiss, wie mit Puderzucker bestreut.

Nebelschwaden ziehen durchs Tal, ein Feuer brennt im Ofen, die letzte Ernte ist eingebracht.

Alles ist so wunderschön, ich könnte Foto um Foto schiessen, Gedichte schreiben, Lieder komponieren, Filme drehen, diese lichtdurchfluteten Herbsttage einfangen. Aber ich tue es nicht. Ich stehe einfach da, im Wald, am Flussufer, am Wegrand und schaue und staune.


Sonnenuntergang Piz Linard und Lenzerhorn
Das Lenzerhorn und der Piz Linard werden vom Sonnenuntergang beleuchtet.

Die Natur zieht sich zurück und mein Schaffen passt sich ihr an. Ich spüre, wie sich mein Fokus wieder vermehrt nach Innen richtet, wie ich mich nach Ruhe und Rückzug sehne. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu merken, dass ich mich in diesem Prozess befinde, denn mein Kopf ist immer noch in der Energie des Sommers. Er will tun, erleben, kreieren, seiner Inspiration ein Leben geben, unterwegs sein, erschaffen und teilen. Doch mit dem Jahreszeitenwechsel veränderte sich auch etwas in mir.


Unsere Schöpferkraft verhält sich wie die Jahreszeiten, schreibt Helena Woods auf ihrem Blog. Der kreative Zyklus beginnt mit einer Idee, die sich formt, mit einem Samen, der in die Erde gesetzt wird. In der zweiten Phase bekommt diese Idee Hände und Füsse, sie wird realisiert, um in der dritten Phase reflektiert zu werden. Und zuletzt, in der Phase des Winters, wird geruht.

Ich habe über den Sommer ein Kinderlieder-Album aufgenommen und vor Kurzem rausgebracht. Eigentlich dachte ich, dass ich nach Abschluss dieses grossen Projekts endlich wieder Zeit haben würde mich anderen Ideen zu widmen. Es formten sich bereits Songs in meinem Kopf, Gedanken für Videos und Ideen für Fotos. Doch nun sitze ich hier und nichts davon kann ich im Augenblick tun, so gerne ich auch würde. Zuerst habe ich mich darüber geärgert, ich wollte so sehr ein Video zum Herbst drehen, das wundervolle Licht einfangen, meine Routinen zeigen und teilen. Doch der Abschluss des Kinderlieder Projekts hat den Herbst mit sich gebracht, die Zeit der Reflexion und des in sich Kehrens.


Noch fällt es mir schwer, mich diesen natürlichen Zyklen hinzugeben, leben wir doch in einer Gesellschaft, in der das Tun mehr gewichtet wird als das Sein. Doch wenn ich eines gelernt habe, seit ich vor bald einem Jahr in die Berge gezogen bin, dann dies: Ich bin Teil der Natur. Die Natur existiert in mir und ich in ihr.

Ich lerne zu akzeptieren, dass ich als schöpferisches Wesen nicht immer handfeste Resultate liefern kann und auch nicht muss, sondern dass ich ruhen darf, wenn die Phase des Winters kommt, ja, es sogar muss, um dann in der Frühjahrs-Phase wieder von Neuem mit viel Elan beginnen zu können.


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