Neukalibrierung

Manche Dinge sind in unseren Köpfen abgespeichert und wir wenden sie an, auch wenn sich unsere Umgebung ändert. In meinem Kopf beginnt der Frühling im März. So war es nämlich in den letzten Jahren. Als ich in der Stadt lebte. Logischerweise beginnt der Frühling also überall im März. Sagt mir mein Kopf.

Nun ist es aber so, dass ich bei meinem Umzug einen Höhenunterschied von 1000 Metern überwand und somit beginnt der Frühling hier halt nicht im März, sondern erst viel später. Mein Kopf hat das noch nicht ganz begriffen und ist völlig perplex, wenn er wieder einmal bei leisem Schneegestöber aufwacht. Im Mai.

Er muss sich erst daran gewöhnen, dass die Jahreszeiten hier anders aussehen. Auch wenn es schneit, ist der Frühling doch spürbar. Die Luft ist wärmer, die Tage länger. Die ersten Blumen blühen und das Eis im Bach ist geschmolzen. Der Holunderbaum in meinem Garten zeigt bereits Blätter und nach einem aussergewöhnlich langen Winter lässt das mein Sommerherz höher schlagen. Wenn ich draussen bin, kann ich fast immer die Jacke ausziehen und bald, bald darf ich endlich in mein erstes Gartenjahr starten. Nur noch die Eisheiligen sind abzuwarten.


Ich spüre, wie ich mich hier immer mehr mit den Jahreszeiten und den natürlichen Zyklen der Natur verbinde. In der Stadt war ich mir dessen eigentlich gar nicht wirklich bewusst. Die Winter waren grau, die Sommer heiss und der Frühling fing manchmal schon im Februar an. So ist das in mir abgespeichert. Aber was diese Jahreszeitenwechsel wirklich bedeuten, war mir überhaupt nicht bewusst. Denn für mich änderte sich ja nicht viel. Ich konnte gefühlt zu jeder Jahreszeit Erdbeeren kaufen - wenn ich gewollt hätte -, die Erde unter meinen Füssen sah immer gleich aus und die Intensität der Sonne spürte ich nur im Sommer, wenn ich Zeit hatte.

Mein Leben hier in den Bergen spielt sich viel mehr draussen ab und so beginnen mir Dinge aufzufallen. Kleine Sachen, die ich vor ein paar Monaten noch gar nicht bemerkt hätte. Es ist, als ob mir Fühler wüchsen, die die kleinsten Veränderungen wahrnehmen. Plötzlich ist das letzte Fleckchen Schnee weg. Die Farbe des Wassers im Bach ist heute grüner als gestern. Über Nacht sind die Löwenzahnblüten aufgegangen. Ich finde Schneckenhäuser und Steine, so wie ich es als Kind getan habe. Staple sie aufeinander, den Gleichgewichtspunkt suchend. Mir fallen unter all den Brauntönen der Erde kleine Käfer auf, die wie Gold glänzen und ich nehme mir die Zeit ihnen zuzuschauen.



Und so schleicht sich bei mir der Gedanke ein, wieso ich all diese Sachen nicht auch in der Stadt hätte wahrnehmen können? Schlussendlich geht es ja nicht darum, von möglichst viel Natur umgeben zu sein, um die kleinen Dinge zu sehen, sondern einfach mit ausgestreckten Fühlern durchs Leben zu gehen, achtsamer und vielleicht auch langsamer.


Mein Kopf geht gerade durch eine Neukalibrierung. Er beginnt zu verstehen, dass sich hier vieles anders abspielt, dass sein Leben sich verändert hat. Denn ist es nicht manches Mal so, dass wir in unserem Kopf eine Vorstellung haben, die uns einzureden versucht, etwas habe in gewisser Weise auszusehen? Und wenn die Vorstellung dann nicht eintrifft, sind wir enttäuscht oder wütend oder traurig. Ich glaube, es ist dieses ständige Neukalibrieren, das ich hier gerade lerne, meine Vorstellungen dem anzupassen, was ich erfahre. Wie die Jahreszeiten, wie das Wetter, wie der Mond sind auch wir Menschen in stetiger Veränderung. Eigentlich sind doch diese unerwarteten Wechsel die einzige Konstante in unserem Leben. Denn auch wir sind zyklische Wesen. Anstatt mich dagegen zu sträuben oder den nächsten Zyklus erzwingen zu wollen, habe ich mich entschlossen mit ihm zu gehen, meine Fühler noch weiter auszustrecken, alle Sinne offen, damit ich die Schönheit sehen kann, die mich immer umgibt. In jeder unerwarteten Wendung des Lebens.


Schaue dir doch mein neustes Video an. Da bekommst du Einblicke in meinen Bergfrühling. Viel Spass! =)

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