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Anemoia

Ich sitze im gefüllten Theatersaal, zum ersten Mal wieder seit Jahren. Es ist ein vertrautes Gefühl: meinen Platz einzunehmen, gespannt auf die noch leere Bühne zu blicken, den Zuschauern beim Einlass zuzusehen. Und es ist auch ein vertrautes Gefühl, wenn ich mir vorstelle, wie es den Schauspieler:innen hinter der Bühne kurz vor Beginn des Stückes geht. Denn ich war auch mal eine von ihnen. Nur ganz kurz zwar, aber eine Zehenspitze durfte ich dennoch in diese Welt tauchen.

Das Stück ist grossartig. Ich weine, wie meistens, wenn ich im Theater sitze. Ich bin berührt, von der Musik und von den Freunden, die ich aus der Schauspielschule kenne, die nun auf der grossen Bühne stehen, so wie wir es uns vor ein paar Jahren erträumt haben. Sie haben es geschafft, ich nicht.

Ich hatte auch mal diesen Traum von der grossen Bühne. Vom Leben als Schauspielerin und Musicaldarstellerin. Aber dieser Traum hat sich in den letzten Jahren verändert. Ich habe bewusst dieser Welt den Rücken gekehrt, weil sich ein anderer, für mich stärkerer Traum eingenistet hat: den Traum vom Leben in und mit der Natur.


Silvana Candreia im Stück "Polarrot" des Theater Basel
Ich stand auch mal kurz als Schauspielerin auf der Bühne.

Im letzten Jahr bin immer wieder über das mir bis dahin unbekannte Wort "Anemoia" gestossen. Bereits der Klang dieses Wortes löste bei mir ein Gefühl aus und als ich seine Bedeutung erfuhr, wusste ich, dass ich irgendwann einmal darüber schreiben wollte, weil es etwas beschrieb, das ich fühlte, wovon ich aber nicht wusste, dass ich es fühlte. Verstehst du das?

Anemoia bezeichnet das Gefühl von Nostalgie für eine Zeit, die du nie gekannt hast. Es ist die Sehnsucht nach Erinnerungen, die du nie hattest und eine Art Melancholie der ungelebten Versionen deines Lebens.

Anemoia bezeichnet die Nostalgie für eine Zeit, die du nie gekannt hast.

Wahrscheinlich hattest du auch Träume als Kind, als Jugendliche:r oder als zehn oder fünf Jahre jüngere Version von dir, die so nicht eingetroffen sind. Und vielleicht hast du ihnen nachgetrauert, aber vielleicht hast du auch gelernt, dass das Leben nun mal so ist, wie es ist. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich für viele meiner gescheiterten oder nicht in Erfüllung gegangener Träume dankbar bin, denn oftmals sind aus den Scherben andere Träume entstanden. Und wenn nicht, so spüre ich doch auch, dass ich ohne sie wahrscheinlich nicht an diesem Punkt in meinem Leben wäre, an dem ich mich jetzt befinde und ich befinde mich mitten in einem Traum, den ich vor Jahren geträumt habe.

Nichtsdestotrotz ist da eben auch dieses Gefühl von Anemoia, das Gefühl einer Art Trauer darüber, dass ich gewisse Träume meiner jüngeren Versionen - wie der Traum Schauspielerin zu sein - nun nicht mehr lebe oder gar nie wirklich gelebt habe. Versteh mich bitte nicht falsch! Ich weiss, dass ich auf dem für mich richtigen Weg bin und ich würde niemals zurück wollen, aber in diesem Ich schwingt auch noch das fünfundzwanzig-jährige Ich mit, das sich nach der Theaterwelt sehnte und das ganz fest wollte. Das sich auf der Bühne sah, umgeben von kreativen und ausgefallenen Menschen. Das in andere Rollen schlüpfte, sich immer wieder neu erfand und dieses freie Leben einer Künstlerin leben wollte. Irgendwann auf meinem Weg habe ich mich gegen diesen Traum entschieden, weil er sich nicht mehr richtig angefühlt hat. Und dennoch merke ich, wie ich im abgedunkelten Theatersaal sitze und den wunderbaren Schauspielerinnen zusehe, dass ich manchmal diese Version von mir, die ich vielleicht tatsächlich hätte sein können, betrauere.


An diesem Abend im Theater spüre ich meine jüngere Schauspielerin-Version, wie sie neben mir Platz nimmt und mich fragend anblickt. Vermisst du es? Auf diese Frage kann ich keine genaue Antwort geben. Das Leben ist eben nicht schwarz oder weiss, sondern beinhaltet sehr viele Grautöne. Anemoia ist grau. Ja, ich vermisse es und ich frage mich, wie es wohl hätte werden können und gleichzeitig nein, ich vermisse es nicht, denn ich bin glücklich mit meinem Leben, das ich mir erschaffen habe. Aber ich sehe auch, dass meine Entscheidungen nicht entweder oder sein müssen, wie ich unbewusst dachte: Wenn ich mich für diese Richtung entscheide, dann kann ich nicht in die andere gehen. Was wenn es ein "sowohl als auch" sein könnte? Vielleicht dürfen sich mein Weg und derjenige meines Theater-Ichs irgendwann auch wieder treffen. Vielleicht finden wir eine Hybrid-Variante unserer Wege, Theater und Natur. Wer weiss...


Und in all dieser Melancholie finde ich es auch spannend verschiedene Versionen von mir zu sehen und zu erkennen, dass ich immer die Wahl habe, welche ich ausleben möchte. Ich denke, wir alle sind vielfältige Wesen, wir alle hätten zig andere Wege einschlagen können und es wäre auch ok gewesen. Ich glaube sogar, dass manche Wege wieder zueinander geführt hätten, so dass wir schlussendlich trotzdem da angekommen wären, wo wir jetzt sind, einfach mit einem Umweg oder vielleicht auch auf einer Abkürzung.

Anemoia ist ein schönes Gefühl, irgendwie. Schön und traurig zugleich. Und sie lässt mich reisen. In andere Zeiten, in andere Geschichten, die mein Leben hätten sein können. Manchmal rede ich mit meinen verschiedenen Versionen. Stelle ihnen Fragen, höre ihren Sehnsüchten und Träumen zu und erzähle ihnen aus meinem Leben, dass es mir auf diesem Weg gut geht. Aber all diese Versionen meiner selbst zeigen mir eben auch, dass es uneingeschränkt viele Kreuzungen gibt und ich mich immer wieder neu für das "sowohl als auch" entscheiden darf.



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