Kapitel 1: Was wäre wenn...

Aktualisiert: 20. Nov 2020

Es ist drei Uhr morgens, ich liege in meinem Bett. Hellwach. Draussen brüllt eine Frau herum, gefangen in ihrer eigenen Welt schreit sie die ganze Strasse wach. Ich bekomme Einblicke in ein Leben, von dem ich eigentlich nichts wissen will. Es ist ein intimer Moment zwischen Fremden, der jedoch nur mir bewusst ist. Obwohl ich die Frau nicht kenne und nicht sehen kann und obwohl ich geschützt bin von meinen eigenen vier Wänden, fühle ich mich hineingezogen in eine Geschichte, die mich gar nichts angeht. Es ist mir viel zu nah.

Ich liege in meinem Bett und sollte eigentlich nichts hören. Denn seit mehreren Wochen ist mein Ohr verstopft und entzündet und ich habe einen Zwiebelumschlag auf den Ohren, der meinen Hörsinn nochmals mindert. Und doch höre ich alles. Nebst dem Geschrei auch das Quietschen der Tramschienen, das Rattern der Güterzüge und das Klacken der Weichen. Aber vor allem höre ich das wilde Durcheinander in mir drin.

Einmal habe ich mich zu Hause gefühlt hier in dieser Stadt. Voller Freude und Freiheitsdrang bin ich in diese Wohnung gezogen. Sie war so anders als alles, was ich bisher gekannt habe. Ein Altbau in einem hippen Quartier, nur einen Steinwurf vom Bahnhof und allen Einkaufsmöglichkeiten entfernt, mit einem Balkon, der über den Gleisen schwebt. Genau das habe ich damals gebraucht, vor fünf Jahren als ich von Zuhause auszog, um endlich mein eigenes freies Leben zu führen. Ich wollte Trubel, ich wollte Lärm, ich wollte Stadt. Und ich habe mich von Anfang an so wohl gefühlt hier. Meine Wohnung wurde zu meinem Reich und mit jeder Veränderung in meinem Leben, änderte sich auch meine Wohnung. Es wurde ausgemistet und umgestellt, Möbel ausgetauscht und Pflanzen erworben. Viele Pflanzen. Ich fand zu mir selbst hier in dieser Wohnung über den Gleisen. Hier habe ich meine schönsten und meine traurigsten Momente erlebt und eine zeitlang war es genau das, was ich wollte.

Doch nun liege ich wach und stelle fest, dass ich seit mehreren Monaten nicht mehr durchgeschlafen habe. Und plötzlich meldet sich wieder diese Stimme in meinem Innern, die ich im letzten Jahr so gut kennen gelernt habe und sie sagt: «Es reicht! Ich will nicht mehr hier sein.»

Es dämmert mir, was sich schon seit meiner Rückkehr aus meiner Griechenlandreise vor einem Jahr angebahnt hat: die Stadt ist nicht mehr mein Zuhause. Ich sehne mich nach Natur und Rückzug. Nach Stille und Ursprung. Nach Einfachheit und Ruhe.



Eigentlich weiss ich schon seit Jahren, dass die Stadt nur ein Zwischenschritt ist. Ein Zwischenstop, den ich auf keinen Fall missen möchte, denn nur durch ihn, konnte ich zu dem Menschen werden, der ich heute bin. Nur durch ihn konnte ich Menschen treffen und Freundschaften aufbauen, die mir so wichtig geworden sind. Nur durch ihn konnte ich meinen Lebensstil ändern und herausfinden, wie ich im Einklang mit meinen Werten leben kann. Aber wenn man mich schon damals gefragt hätte: Wie möchtest du leben? Dann hätte ich gesagt, dass ich in einem kleinen Häuschen am Waldrand leben möchte. Dass ich viele Tiere haben und einen Garten führen möchte, der mich zu einem grossen Teil versorgt. Ich hätte mich damals schon im Garten sitzen sehen, eine Katze zu Füssen und eine Tasse Tee in der Hand. Ich hätte damals schon gewusst, dass mich das einfache, ruhige Leben glücklich macht. Dass ich Zeit haben möchte für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind. Kreativ sein, Neues lernen, draussen sein, mich bewegen.

Wenn ich das nicht schon gewusst hätte, so hätte spätestens mein Aufenthalt in Griechenland mir gezeigt, dass ich ein grosses Bedürfnis nach Verbundenheit zur Natur habe und dass diese Stadt mir nicht mehr dasselbe bedeutet wie früher. Auch weil ein Mensch, mit dem ich viele Stadt-Momente geteilt habe, einfach nicht mehr hier ist.

Und nun da ich ungebunden bin und ein neues Lebenskapitel begonnen habe und sowieso alles offen ist, beginnt sich ein Gedanke herauszukristallisieren. Was wenn ich in die Berge ziehe zurück zu meinen Wurzeln? Was wenn ich dort in unserem kleinen Familienhäuschen lebe? Was wenn ich dort wie meine Ahnen über Generationen hinweg einen Garten anbaue? Ich könnte mir ein Kätzchen zutun, Pizokel würde es heissen. Ich würde jeden Morgen als Erstes in den Garten gehen, barfuss, wenn das Wetter es zulässt, mit einer Tasse Tee in der Hand. Ich würde die Sonne auf meiner Haut und das nasse Gras unter meinen Füssen spüren. Im Winter würde ich morgens ein Feuer im alten Specksteinofen entfachen und eingemummelt in einen dicken Pullover und Wollsocken warten bis es das Haus erwärmt. Ich würde Orte zum Pilzesammeln im Herbst finden und Orte zum Baden im Sommer. Es gäbe Orte, wo ich im Frühling Kräuter sammeln und aus Wiesenblumen schöne Sträusse binden würde. Ich würde meine Tage damit verbringen, Musik zu machen oder zu schreiben oder mich einem meiner anderen kreativen Projekten zu widmen. Auf jeden Fall würde ich möglichst viel von meinem Essen selber machen wollen und meine Freunde immer wieder zu mir in die Berge einladen oder sie in der Stadt besuchen. Und vielleicht wäre dieses Haus in den Bergen auch nur wieder ein Zwischenstop.

In diesem Moment, um drei Uhr in der Nacht, fühlt sich dieser Zwischenstop wie mein Rettungsring an. Denn ich halte es nicht mehr aus in meinem Bett, stehe auf und muss raus. Auf dem Balkon ist es gerade für einen kurzen Moment still und ich sehe ein paar Sterne. Kassiopeia. Ich atme aus. Ein Reflex in mir will sich wie gewohnt vor den Computer setzen, sich mit irgendwelchen Netflixserien betäuben, denn an Schlaf ist nicht zu denken. Doch meine innere Stimme ist diesemal stärker und sie sagt bestimmt, dass ich für einmal diese Gefühle aushalten und mich der Botschaft, die sie senden, stellen muss. Also ist es das, was ich tue und es wird mir klar, dass ich weiterziehen muss.


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