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Veränderung

Der Bach hat sich verändert in letzter Zeit durch viele starke Regenfälle und wie so oft finde ich in der Veränderung der Natur eine Lehre für mein Leben.


"Sei wie ich und habe keine Angst vor Veränderung", dröhnt der tosende Bach mir entgegen.


Es hat geregnet. Mehrere Tage lang non-stop. Doch mich zieht es dennoch aus dem Haus. Der Bach ruft mich, wie immer. Ich mache mir Sorgen um ihn. Geht es ihm gut? Hält er dem Unwetter stand? Der Bach und ich, wir sind miteinander verbunden, das Wasser zu meiner grössten Lehrerin, zu meinem Tempel geworden.

Ich ziehe meine Regenjacke an, greife nach meinem bunten Schirm und begebe mich nach draussen in den strömenden Regen. Es vergehen nur wenige Minuten und ich erreiche den Dorfrand. Beinahe fange ich an zu rennen. Über die Feldwege, hinein in den Wald. Ich höre ihn schon von weitem. Bevor ich die Wassermengen überhaupt sehen kann, dringt ein unglaubliches Rauschen an meine Ohren, das meinen gesamten Körper erfasst. Jede meiner Zellen scheint mit dieser Naturgewalt mitzuvibrieren.

Und dann sehe ich das Wasser. Mit einer ungeheuerlichen Kraft stürzt es die Felsen hinunter in Richtung Tal. Es ist braun, wild und nicht wieder zu erkennen. Ganz von selbst haben meine Füsse angehalten, der Mund steht mir offen und meine Hände greifen an mein Herz. Ich kann nur staunen. Der sonst so ruhige und sanfte Bergbach, den ich beinahe täglich besuche, der mein Rückzugsort ist und mich immer mit offenen Armen empfängt, ist nun zu einem reissenden Fluss geworden.

Im Dorf erzählt man sich immer noch Geschichten vom Bach, der nicht nur vor vielen, vielen Jahren die Mühle eingangs Dorf zerstört, sondern auch Menschen mit in den Tod gerissen hat. Irgendwie unvorstellbar, wenn man den Bach so Tag für Tag sieht. Klar strömt er und hat er Kraft, aber eine Zerstörungswut würde man ihm kaum zutrauen.

Doch nun stehe ich auf der Brücke und halte es hier kaum aus. Die Kraft, die Energie des Wassers ist so stark, dass ich mir diese Geschichten plötzlich sehr gut vorstellen kann. Auf einmal habe ich es eilig. Schnell weg von hier. Mein Kopf hämmert und in mir regt sich eine merkwürdige Nervosität. Ich lege einige Meter Distanz zum Bach zurück und muss mich erst mal wieder beruhigen. Die Natur vermag es immer wieder mich zu faszinieren. Diesmal in ihrer Gewalt.



Doch auch in den nächsten Tagen kann ich es nicht lassen. Der Bach ruft mich. Ich habe das Bedürfnis nach dem Rechten zu schauen und suche meine verschiedenen Badestellen aus sicherer Distanz auf. Der Regen ist verstummt, doch das Wasser tost weiter. Ich kann erkennen, dass sich der Verlauf des Baches vollkommen verändert hat. Zum Teil erkenne ich ihn kaum wieder. Riesige Baumstämme liegen im Bachbett. Felsen, die ich von weiter oben kannte, sind nun ein prächtiges Stück weiter in Richtung Tal gereist und wo mal so etwas wie ein Strand war, rauscht nun das Wasser, das dafür andere Steine freigegeben hat. Anfangs stehe ich einfach da. Eine stille Beobachterin der Metamorphose. Meine Gedanken wirbeln, wie die Wellen meiner Bachfreundin. Und dann, nachdem sich die Wogen genug geglättet haben, steige ich endlich wieder ins Wasser. Alles ist neu, obwohl wir uns seit Jahren kennen. Meine Füsse wissen nicht mehr, wo sie hinzutreten haben und mir wird erst jetzt bewusst, wie sehr ich mich in meiner Bade-Routine auf meine Füsse, die jeden Stein kannten, verlassen habe. Ich fühle mich unbeholfen, stolpere, muss mich halten. Es ist aufregend, wie beim ersten Mal, als ich meinen Körper in diesen Bach tauchte. Auch damals fühlte es sich neu und doch bekannt an, fast wie wenn wir ein Geheimnis austauschten, das wir eigentlich bereits kannten.

Meine gewohnten Badestellen gibt es nicht mehr. Alles ist anders, alles hat sich verändert und daran müssen sich meine Füsse und ich erst gewöhnen. Irgendwie bin ich traurig, denn ich liebe diesen Bach so sehr. Er ist mir so vertraut und jedes Mal, wenn ich meinen Körper eintauche, wird etwas in mir geheilt. Und auch wenn ich weiss, dass unsere gemeinsame Zeit noch lange nicht vorbei ist und ich hier lediglich eine neue Facette von ihm kennenlernen darf, so stimmt es mich doch wehmütig, das Altbekannte loszulassen.



Nach diesem ersten Bad setze ich mich noch eine Weile auf die Brücke, lasse meine Beine über den Rand baumeln und meinen Blick über das neue Bachbett schweifen. Das Wasser zwinkert mir zu, tanzt und singt. "Sei wie ich und habe keine Angst vor Veränderung", dröhnt der Bach mir entgegen. Ich lächle, denn ich fühle mich ertappt. Veränderung macht mir immer wieder Angst, vor allem das Loslassen, das damit einher geht. Wieder einmal zeigt es die Natur mir vor: Sie hat keine Angst vor Veränderung, keine Angst vor dem Chaos, das mit Veränderung einhergehen kann. Der Bach fühlt sich chaotisch an. Überall liegt Holz, die Steine sind noch lose und wackelig, wenn man darauftritt und das Wasser kann noch etwas trüb sein, von all dem Sand, der durch die riesigen Wassermengen aufgewirbelt wird. Doch die Natur wehrt sich nicht dagegen. Sie geht mit dem Fluss mit, sie lässt die Veränderung zu, weil sie weiss, dass nichts für immer ist. Weil sie weiss, dass etwas anderes, neues entstehen kann und darf. Mir fällt ein Spruch ein, den der griechische Philosoph Heraklit vor Jahrtausenden gesagt haben soll:

Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.

Und er hatte wohl recht. Alles verändert sich ständig. Die Jahreszeiten wechseln den Bäumen das Kleid, der Mond befindet sich in einem ständigen Tanz des Zu- und Abnehmens, unsere Körper erneuern ihre Zellen immer und immer wieder, meine Haare werden grau, meine Ansichten und Träume ändern sich. Alles fliesst, ob ich das will oder nicht. Aufhalten kann ich es nicht. Aber ich kann mich entscheiden, ob ich mich dagegen sträube und somit Gefahr laufe zu zerbrechen, wie der Ast, der sich gegen die Fluten wehrt. Oder ob ich mit dem Fluss des Lebens mitgehe und meinen neuen Ort weiter unten im Flussbett finde.


Klares Wasser nach dem Hochwasser.

Seit den Unwettern sind nun einige Wochen verstrichen. Meine Füsse haben sich recht schnell an die neuen Ordnung der Steine und die neuen Badestellen gewöhnt. Der Bach, wie er einmal war, ist zu einer blassen Erinnerung geworden. Das neue Normal kommt oftmals schneller, als man denkt, wenn man auf dem Sprungbrett in die Veränderung steht. Ist es nicht merkwürdig, wie sehr der Wechsel Angst machen kann, obwohl er doch unvermeidbar und so alltäglich ist? Obwohl wir alle ohne Veränderung nicht genau hier, im jetzigen Moment, in diesem Leben wären? Ich übe es dem Bach gleich zu tun: keine Angst vor dem Chaos der Veränderung zu haben und mich einfach dem Fluss hinzugeben. Die Betonung liegt hierbei auf dem Üben, denn leicht fällt mir Veränderung immer noch nicht.

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Ich bin auch Yoga Lehrerin und führe Rituale und Retreats in der Natur durch. Vielleicht sehen wir uns mal auf der Matte?

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