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Naturnah gärtnern

{Naturmensch-Gespräch mit Beate Pehlchen-Mazenauer}


In der Naturmensch-Gesprächsserie spreche ich mit Menschen, die in und mit der Natur arbeiten. Ein Thema, das mich schon lange interessiert, ist die Selbstversorgung und das naturnahe Gärtnern. Durch meinen eigenen Garten durfte ich bereits nicht nur viel über den Gemüseanbau und Permakultur lernen, sondern auch über mich und das Leben. Umso mehr freue ich mich, durfte ich mich über genau diese Themen mit Beate Pehlchen-Mazenauer austauschen. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR war sie schon früh vom Gärtnern fasziniert, weil es ein grosser Bestandteil ihres Familienlebens war, die Vorratskammer mit eigenem Gemüse aufzufüllen. Bea wohnt nun in der Schweiz, in Urnäsch, und gärtnert dort auf fast 1000 m ü.M., was mir als Berglerin natürlich nochmals einen interessanten Aspekt zukommen liess.

 

In diesem Gespräch erfährst du…

… wie du mit der Selbstversorgung im Kleinen beginnen kannst.

… was naturnahes Gärtnern eigentlich bedeutet.

… was das Gärtnern dir sonst noch bringt ausser superleckeres Gemüse.

 

Naturmensch-Gespräche

Hallo Bea, erzähl doch mal, wie du gärtnerst.

 

Wir bestellen die Beete nach der «Market Gardening» Methode, also mindestens 3 bis 4 Mal pro Jahr. Dadurch, dass ich selber vorziehe, kann ich die Pflanzen in dieser kurzen Periode hier oben sofort ins Beet setzen, wenn die anderen rausgehen. So verplämpere ich möglichst wenig Zeit, weil wir hier oben natürlich eine kurze Anbauperiode haben. Das «Market Gardening» ist eine effiziente Art zu gärtnern, bei der wir versuchen, nie Lücken entstehen zu lassen.

 

Hier stelle ich gerne auch den Bezug zur Natur her. Die Natur ist auch nie leer. Klar im Winter, wenn der Schnee darüber liegt, sieht man das nicht.

 

Ja, es ist immer was los.

 

Genau, das eine löst das andere ab. Der Boden ist immer bedeckt und es gibt nirgends eine Fläche, bei der die Erde einfach frei ist. Das Schöne ist ja auch, wenn man diese Prinzipien der Natur in seinen Garten überträgt.

 

Du musst ja auch mit den Jahreszeiten gehen. Es gibt viele Kulturen, die im Winter draussen sind. Wie du sagst, der Boden liegt nie leer da. Das Schlimmste ist, wenn im Beet nichts ist. Also selbst wenn ich gerade nichts anbaue, säe ich eine Gründüngung aus oder lege Rasenverschnitt, Hackschnitzel, Laub aus. Also bei mir sind die Beete immer voll mit irgendwas. Das ist wie eine Wellnesskur, weil die Bodenlebewesen brauchen ja was zum Essen. Denn wenn die Sonne direkt auf die blosse Erde scheint, ist die erste Bodenschicht tot. Meine Beete grabe ich auch nicht um. Ich glaube, die Marie {vom Blog Wurzelwerk, Anm. d. Autorin} hat das mal so gut gesagt: Wenn du den Boden umgräbst, ist das wie ein Massengrab, weil die Lebewesen auf ganz bestimmte Bodenschichten angewiesen sind.

 

Ich lebe auch in einem kleinen Dorf, in dem viele Leute gärtnern. Aber es ist eben dieses traditionelle Gärtnern, bei dem man in jedem Frühjahr die Beete umgräbt und im Winter liegt die Erde einfach tot da. Mir tut das oft so weh, diese graue leblose Erde zu sehen. An und für sich finde ich es ja toll, dass man gärtnert, weil das für die Insekten und für unsere Welt sehr wichtig ist, aber noch schöner ist es, wenn man es eben mit dem natürlichen Kreislauf macht.

 

Bei vielen ist dieses alte Gärtnern noch drin, so Schulbuch-mässig. Im Frühling fangen sie an: Da pflanze ich wahnsinnig viel, dann habe ich die Ernteschwemme, dann rege ich mich auf, weil ich so viel habe und dann bin ich im Oktober fertig und habe Gott sei Dank keinen Gartenstress mehr. Aber so sollte es gar nicht sein. Ich habe nämlich keinen Stress. Klar gibt es im Frühling ein wenig mehr Arbeit, aber wenn du eine gestaffelte Aussaat machst, weil du dich ja davon ernähren willst, und du mit dem Rhythmus der Natur gehst, dann hast du auch im Winter die Beete voll und etwas zu tun. So habe ich auch kein Unkraut, muss nicht jäten und ich habe nicht das Problem, dass mein Boden im Frühjahr ausgerottet und ausgeschwemmt oder halb tot ist.


Beate Pehlchen-Mazenauer im Garten.
© Beate Pehlchen-Mazenauer

Aus persönlichem Interesse: Ich gärtnere auch, fühle mich aber noch sehr am Anfang meiner «Garten-Karriere», obwohl ich es doch schon einige Jahre mache. Und natürlich ist auch jedes Jahr wieder anders. Du lebst ja auch sehr hoch, auf fast 1000 m ü.M. und hast Winter mit Schnee und Frost wie ich und trotzdem hast du auch im Winter die Beete voll. Magst du darüber was erzählen?

 

Im Juli muss ich überlegen, was ich im Winter ernten will. Ausserdem überlege ich, welche Beete ich nehmen kann, wo die Sonne auch hinkommt. Meistens pflanze ich die Winterkulturen in die Hochbeete, weil ich die mit dem Folientunnel gut abdecken kann und auch noch im Winter mit viel Schnee hinkomme. Möhren zum Beispiel vertragen bis zu -10 Grad, das ist ein Gemüse, das ich also anpflanzen kann. Und meistens schneit es bei uns in den Bergen ja, was gut isoliert. Im Winter kann ich oft Knollensellerie, Lauch, Randen, Möhren ernten. Ernten kann man natürlich nur, wenns gerade Tauwetter ist. Wir haben auch Salat, wie Feldsalat, Rucola, Portulak im Winter. Ich glaube, man traut den meisten Pflanzen viel zu wenig zu. Es wächst noch so viel im Winter draussen. Man muss es einfach ausprobieren. Und die Beete natürlich gut einpacken. Da kommt bei mir immer ganz viel Rasenschnitt, Laub und Hackschnitzel drauf und dann kommt zum Schluss noch ein Vlies drüber. So sind die Pflanzen ganz schön eingemummelt. Das ist dann eigentlich wie im Wald.

 

Zu wie viel Prozent bist du Selbstversorgerin? Versorgst du dich mit dem Gemüse das ganze Jahr über selbst?

 

Mit dem Gemüse, ja. Also Klopapier stellen wir nicht selber her. (lacht) Fleisch tauschen wir mit Freunden, die einen kleinen Bio-Bauernhof haben. Der Bauer hinter uns baut Urdinkel und Weizen an und ich habe meine eigene Getreidemühle, mit der ich mein Mehl und die Frühstücksflocken mahle, und mit ihm tauschen wir auch. Es ist schwierig zu sagen, wo Selbstversorgung anfängt, aber ich denke bei der Ernährung sind wir ungefähr zu 80 Prozent Selbstversorger. Ich sage unserer Art immer moderne Selbstversorgung, weil wir haben zum Beispiel keine Hühner, weil der Nachbar welche hat. Der nächste hat Ziegen und so tauschen wir miteinander. Wir gehen möglichst wenig einkaufen und ansonsten tauschen wir mit Freunden. Ich tausche wahnsinnig viel. Ich brauche keine eigene Kuh, ich brauche keine eigene Ziege, keine eigenen Hühner. Wenn der andere das ja hat und er von mir was braucht, können wir uns gegenseitig unterstützen.


Verschiedenes Gemüse aus dem Selbstversorger-Garten
© Beate Pehlchen-Mazenauer

Toll! Hast du einen Tipp, wie man in die Selbstversorgung starten kann?

 

Ganz langsam! Am besten sich gar nicht stressen, sondern mal im Kleinen anfangen. Ich hatte früher nur einen Balkon, aber auf dem habe ich meine eigenen Kräuter angepflanzt, was für mich so ein Luxus war, schnell mal für meinen Salat ein wenig Petersilie und Schnittlauch zu holen. Selbst wenn du keinen Garten hast, kannst du dich versorgen, indem du einfach mal rausgehst. Jetzt gibt es den Bärlauch oder den Löwenzahn, es ist ja alles da, du musst nur die Augen aufmachen. Aber man darf sich nicht mit dem Thema stressen. Ich gebe auch Gartenkurse, bei denen immer wieder Leute meinen: Oh Gott, das ist ja so viel Wissen, wie soll ich da bloss anfangen? Aber das ist wie Fahrradfahren lernen. Du musst am Anfang ein bisschen mehr Zeit investieren, aber wenn es dann mal läuft, dann machst du das automatisch. Und fange nicht gleich mit allen Bereichen von heute auf morgen an. Zum Beispiel kannst du mit Sprossen beginnen, für die du ja auch keinen Garten brauchst.

Klar, ich mache mein eigenes Brot, Marmelade, ich koche ein, ich fermentiere. Aber das ist ja auch alles dazugekommen, es hat sich zu dem entwickelt in den letzen 9 bis 10 Jahren. Jeder muss für sich schauen, was passt für mich, in meinen Alltag und für meine Lebenssituation.

 

Ich glaube ein wichtiger Aspekt, den du gerade angesprochen hast, ist, dass du nicht unbedingt einen grossen Garten brauchst, um überhaupt mit dem Gärtnern anzufangen. Ich hatte mit meinem Garten immer das Gefühl, dass er klein ist und ich da nicht viel anbauen kann. Doch jetzt, nach drei Jahren, merke ich, dass der Platz noch lange nicht ausgeschöpft ist. Es braucht wirklich nicht viel, man muss einfach ein wenig erfinderisch werden. Wenn man zum Beispiel nur einen Balkon hat, könnte man vertikal gärtnern.

 

Ja, oder auf der Terrasse kannst du in Töpfen und Pflanzsäcken gärtnern. Du musst einfach wollen und auch ein bisschen kreativ sein. Manche sind halt so voll straight und stressen sich, weil sie alles genau «richtig» machen wollen. Und wenn das so in den Stress ausartet, dann macht das ja keinen Spass. Gerade wenn du rausgehst in die Natur, ist das doch eigentlich wie eine Meditation. Du lässt den Alltag hinter dir, spürst die Erde, du siehst all das Leben und du denkst: Wow, du hast jetzt mehr Lebewesen in der Hand als die Erde an Menschen hat. Wenn du überlegst, wie viele Billionen Mikroben und Bakterien du in einer Handvoll Erde hast, ist das unglaublich faszinierend und du merkst dann wieder, wie klein und unwichtig du und deine Probleme eigentlich sind.

 

Ah wie schön! Das eine ist der praktische Teil des Gärtnerns, aber es macht ja auch etwas mit uns auf psychischer und seelischer Ebene. Ich habe hierzu viele Gedanken, einer davon ist der mit dem Berühren der Erde und diese Verbindung zu haben zum Land, zu diesem Stück Boden, dessen Hüterin und Pflegerin ich sein darf und das mich im Gegenzug auch wieder versorgt. Und man weiss auch, dass es in der Erde Bakterien gibt, die eine gleiche Wirkung haben sollen wie Antidepressiva. Ich gärtnere deswegen auch ohne Handschuhe, weil dieser Kontakt von meiner Haut mit der Erde so etwas Ursprüngliches an sich hat.

 

Guck dir die Kinder an. Die spielen so gerne mit der Erde und wir verbieten es ihnen… Ich habe eine riesige Wertschätzung gegenüber meinem Garten. Mit dem Gärtnern beginnt man auch die Lebensmittel wieder zu schätzen und alleine der Geschmack ist so viel besser! Die ursprünglichen Geschmäcker kommen wieder zurück und du entdeckst die Welt eigentlich wieder neu, von einer anderen Seiten und es öffnet sich so viel, wo du denkst, wo war ich eigentlich die ganze Zeit?! Wenn du für eine Woche mal eingeschneit bist, dann weisst du, wie wichtig es eigentlich ist, dass du diese Fähigkeit hast, die wir früher mal alle hatten, uns und unsere Familie ernähren zu können. Dass wir wissen, welche Pflanzen kann ich eigentlich essen, was ist gut für welchen Tee oder für welche Wehwehchen, dass du weisst, was tut mir wirklich gut. Diese Unabhängigkeit zu haben. Ich bin immer wieder fasziniert, was wir alles aus einem Garten herausholen können. Da ist es egal, wie gross der ist und welche Voraussetzungen du hast. Das sieht man auch im Internet: Es geht alles, wenn du einfach willst und ein bisschen kreativ wirst.


Du wirst achtsamer, wenn du gärtnerst, weil du mehr im Moment lebst.

Ja, sobald man in Verbindung tritt mit der Natur, sei dies im Wald, im Meer, eben auch im Garten, dann beginnt man zu realisieren, dass man ja Teil von all dem ist und dass wir ganz intuitiv viel mehr über das wissen, was um uns herum wächst und wenn man in Beziehung tritt mit den Pflanzen, mit dem Garten, dann kriegt man, wie du bereits gesagt hast, diese Wertschätzung, wie wertvoll das alles eigentlich ist und mein Leben wird durch diese Auseinandersetzung automatisch nachhaltiger, selbstbestimmter und auch erfüllender. Es gibt, glaube ich, kaum etwas, das erfüllender ist, als ein Radieschen aus der Erde zu ziehen und es direkt zu essen. Und das geht auch in der Stadt.

 

Du wirst achtsamer, wenn du gärtnerst, weil du mehr im Moment lebst. Du lebst auch mehr mit dem Wetter. Oft gehe ich bei Regen raus und spüre einfach den Regen auf der Haut. Das ist so schön. Du bekommst dadurch auch eine ganz andere Wertschätzung für die Lebensmittel, weil du weisst, woher sie kommen und wie viel Arbeit dahintersteckt. Du schmeisst dann nicht ein Salatblatt weg, nur weil es an der Ecke braun ist. Die ganze Wertschöpfungskette wird dir wieder bewusst. Wir haben hier auf Bauland begonnen zu gärtnern und weil wir viel Permakultur machen, merken wir, dass das Natürliche nach und nach wiederkommt. Wir hatten am Anfang zum Beispiel null Tigerschnegel, Ringelnattern und Blindschleichen und gestern habe ich wieder fünf Stück gesehen, weil wir unseren eigenen Hackschnitzelhaufen haben und das untermischen. Du merkst, dass sich das System von alleine wieder reguliert.

 

Du hast mit deinem Garten wieder ein Ökosystem geschaffen.

 

Ich mache eigentlich nichts, was nicht schon da war. Ich versuche einfach, das wiederherzustellen, was wir kaputt gemacht haben.

 

Es ist ein Geben und ein Nehmen. Du schaffst Lebensraum und bekommst einerseits dein Essen zurück, aber auch, wie du schon angesprochen hast, diese Achtsamkeit, die so wichtig ist in unserer Zeit. Und zu sehen, wie viel Arbeit dahintersteckt und den Lohn, den ich zurübekomme. Das ist unglaublich wichtig und wertvoll. Lass uns hier noch einen Moment verweilen, denn eine Frage, die ich mir aufgeschrieben habe, ist: Was hat dich das Gärtnern gelehrt für dein Leben?

 

Loszulassen. Ich bin ein absoluter Controlfreak und hyperaktiv und durch das Gärtnern habe ich gelernt, dass ich nicht in jeden Prozess eingreifen kann, um den zu lenken, so wie ich das möchte, sondern einfach mal die Verantwortung abgebe an die Pflanzen. So kann ich auch einfach einmal Zuschauerin sein und einen Schritt zurücktreten, denn es läuft auch ohne mich weiter. Das Gärtnern ist die reinste Therapie. Man entdeckt sich selbst auch immer wieder neu dadurch und man entwickelt auch eine ganz andere Achtsamkeit für den Moment. Wo du früher einfach schnell durch den Garten gelaufen bist, um dein Gemüse zu holen, guckst du heute schon auf dem Weg zu den Beeten, was hier alles wächst. Also mehr im Moment zu leben, wie beim Meditieren und Yoga. Ich bin jetzt hier und nehme wahr, was alles um mich herum wächst. Da kommt auch so eine Ehrfurcht hoch.

 

Absolut. So schön, oder? All das, was du eben angesprochen hast, spüre ich auch so fest. Gerade das Loslassen und sich dem zu ergeben, dass gewissen Dinge einfach nicht in meiner Hand liegen. Ich kann mein Pflänzchen noch so gut pflegen, aber schlussendlich ist es die Pflanze, die entscheidet, ob sie hier nun wächst oder nicht.

 

Ja, genau so ist es mit dem Schnee. Es wird kommen, was kommt. Sich da nicht verrückt zu machen, ist wichtig.

 

Etwas, das ich auch immer wieder durch den Garten lerne, ist, dass ich den Fokus nicht auf den Mangel, sondern auf die Fülle lege. Natürlich kann ich mich darüber nerven, dass die Schnecken mir den Salat wegfressen, aber gleichzeitig sehe ich ja, wie meine Erbsen wachsen und wie viele Zucchinis meine Pflanzen produzieren. So lege ich den Fokus automatisch darauf, was wächst. Mit dem was da ist, kann man bereits so viel machen. Es muss nicht immer noch mehr sein. Das, was da ist, ist so wertvoll und ich bin so dankbar und fasziniert, wenn ich dieses winzige Samenkorn sehe…

 

Wahnsinn oder? Wenn ich den Brokkoli sehe, der so klein ist wie ein Stecknadelköpfchen und der dann innerhalb von einem Jahr zu einer riesigen Pflanze heranwächst! Wo nehmen diese Pflanzen diese Wahnsinns-Energie her? Es ist so unglaublich faszinierend!

 

Pflanzen sind so gute Lehrer. Unsere Träume und Ideen fühlen sich manchmal auch wie ein winziges Samenkorn an und du denkst: Niemals kann da etwas daraus werden! Aber dann schau nur die Pflanzen an, die ohne Zweifel einfach wachsen. Ich finde das eine schöne Metapher. Du darfst klein beginnen, aber es darf dann eben auch wachsen und manchmal muss man die Dinge sich auch einfach entwickeln lassen, denn manchmal braucht es auch gar nicht so viel Zutun von uns.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Gärtnerns ist ja auch, dass man sich wieder bewusst wird, woher mein Essen eigentlich kommt. Das, was ich im Supermarkt kaufe, war alles einmal ein winzig kleiner Samen und diese Verbindung haben wir in unserer modernen Welt verloren.

 

Wir hatten früher zu DDR-Zeiten in der Schule den Schulgarten. Ich finde, das sollte in der Schule ein Pflichtfach sein. Wir hatten unseren eigenen Garten und jeder hatte sein eigenes Beet. So konnten wir die ganze Kette sehen und merken, wo fängt es an.

 

Gärtnern auf 1000 m ü.M.
© Beate Pehlchen-Mazenauer

Ja, das sind so wichtige Handfertigkeiten, die man von Anfang lernen sollte. Denn was ist wichtiger, als dein eigenes Essen anpflanzen zu können? Zu wissen, woher es kommt und was ich machen muss. Die Pandemie hat uns das, glaube ich, schon ein wenig gezeigt und in meinem Umfeld gibt es nun doch einige, die einen Garten haben oder die mit ihren Schüler:innen einen Schulgarten haben.

Wenn du für dich selbst in der Natur bist oder in deinem Garten, gibt es ein Ritual oder eine Praxis, worauf du immer wieder zurückkehrst?

 

Ich gehe immer mit einer gewissen Ehrfurcht raus in den Garten und bin unglaublich dankbar. Ich schaue mich um, muss mich fast kneifen und sag immer wieder: Es ist unglaublich, dass ich Teil sein darf von diesem Grossen und Ganzen und was wir alles schon schaffen durften. Diese Dankbarkeit dafür, wie gut es uns eigentlich geht, darf man nicht vergessen. Dass wir eigentlich so privilegiert sind, weil wir die Möglichkeit haben zu entscheiden, was wir essen und viele haben das eben nicht. Ich danke dem lieben Gott auch immer dafür, dass wir das hier so wahrnehmen dürfen und dass wir es so bewusst erleben dürfen. Dass wir das in dem Moment auch wertschätzen können, weil viele haben das auch, aber haben dann vielleicht nicht diese Achtsamkeit, um das in diesem Moment zu geniessen.

Hinter unserem Haus gibt es einen Kraftberg, den Tüfenberg und da wirst du spirituell, ob du willst oder nicht. Du stehst auf diesem Berg, du spürst diese Weite und siehst den Alpstein, die Schneemassen und du denkst: Das ist Wahnsinn, diese Naturgewalt in den Bergen zu erleben und eben Teil des Ganzen zu sein.

 

Oh ja, eine Dankbarkeitspraxis zu haben ist etwas vom allerwichtigsten.

Hast du momentan eine Lieblingspflanze und wenn ja, welche und warum?

 

Die Inka-Gurke. Ich habe sie vor drei oder vier Jahren im Thurgau entdeckt. Es ist eine Kletterpflanze, eine ganz kleine Gurke aus Peru und sie ist eigentlich die Urform unserer heutigen Gurken. Ich habe sie wahnsinnig gerne, weil die Kinder sie auch lieben und sie wächst einfach super. Ich habe sie hier bei uns angebaut und jetzt hat jeder in Urnäsch eigentlich eine Inka-Gurke, weil sie die Samen von mir gekauft habe. Du kannst sie roh essen, im Wok kochen, als Schmor-Gurke zubereiten, einmachen. Du kannst alles mit ihr machen, sie ist ein Allrounder.


 Der Boden ist unser wichtigstes Kapital.

Du hast erwähnt, dass du auch Gartenkurse anbietest und so möchte ich dir zum Schluss gerne noch den Raum geben, um auf deine Angebote aufmerksam zu machen.

 

Mich findet man hauptsächlich auf Instagram unter beas_gartenliebe. Da gebe ich regelmässig Tipps und Tricks fürs Gärtnern in den Bergen, weil wir ja auf 1000 m ü.M. gärtnern. Ein bis zwei Mal pro Jahr veranstalte ich den Gartenplausch, wo ich durch meinen Garten führe und zeige, wie ich in den Bergen gärtnere, weil wir hier natürlich ganz andere Bedingungen haben. Ich zeige, was sich bei mir bewährt hat. Angefangen beim Boden, weil der Boden unser wichtigstes Kapital ist. Da sehe ich bei den Leuten viele Fehler. Sie säen an, aber dann kommt nichts. Wir mussten hier bei uns auch erst mal zwei Jahre lang den Boden aufbauen.

 

«Der Boden ist unser wichtigstes Kapital», welch wichtiger Satz!

 

So wie wir die Luft zum Atmen brauchen, braucht die Pflanze den Boden. Wenn wir keinen Sauerstoff haben, dann sterben wir, und wenn die Pflanze auf totem Boden wächst, dann geht sie ein. Deshalb fängt das Gärtnern beim Boden an. Nehmt euch dafür wirklich Zeit, er wird’s euch danken.

 

Und ich danke dir für das erfrischende Gespräch!

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Ich bin auch Yoga Lehrerin und führe Rituale und Retreats in der Natur durch. Vielleicht sehen wir uns mal auf der Matte?

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