Wundertüte

Es hat sich Einiges getan hier in Stierva. Der Frühling hat sich angekündigt und sandte seine Boten aus, in Form von zwitschernden Vögeln und zarten Knospen. Auf meinen Spaziergängen konnte ich plötzlich wieder Erde sehen und mutig zog ich Schicht um Schicht meiner Winterklamotten aus. Obwohl ich ganz genau wusste, dass dies nur ein Vorgeschmack war und es sehr wohl nochmals Winter werden könnte. Wie schön sich die Frühlingsluft auch anfühlte, ich vermisste den Winter und den Zauber, den der Schnee mit sich bringt, von welchem ich hier schon zur Genüge geschwärmt habe. Das Licht war beinahe zu grell, reflektiert in den schmelzenden Schneekristallen, der Schnee nicht mehr rein und federleicht, sondern gelb und braun und grau und schwer.



Während diesen warmen Spätwintertagen begann auch im Haus ein aufregendes Kapitel. Die Küche, welche meine Grosseltern in den Siebzigerjahren einbauten, wurde umgebaut. Doch bevor die modernen und hellen Küchenelemente ihren neuen Platz finden konnten, musste der Raum erst entkleidet werden. Vieles war ungewiss zu Beginn, denn durch ein Stück freigelegte Decke und Wand konnten wir nur erahnen, was dahinter zum Vorschein kommen könnte. Aus der Erfahrung der letzen Jahre wussten wir, dass unsere Vorfahren die Tendenz hatten, alte Dinge unberührt zu lassen und einfach eine Schicht darüber zu bauen. So hat es in diesem Haus nach wie vor wahrscheinlich tausende von Nägeln in den Wänden, deren Tage schon lange gezählt sind. Meine Mutter pflegt zu sagen, dass ich doch bitte jedes Mal, wenn ich einen neuen Nagel einschlage, wenigstens einen anderen herausziehen solle.

Mein Vater und der Nachbar legten zuerst eine wunderschöne alte Holzwand neben dem Ofen frei. Ich glaube, es ist das Bijou der Küche. Man sieht ihr das Alter an, aber sie hat sich gut gehalten und macht sich gut neben der weiss verputzen Wand.

Danach wurden die gelben Deckenplatten gelöst und so wurden bereits mehrere Zentimeter Stehhöhe geschaffen. Nochmals vergrössert wurde diese dadurch, dass meine Eltern sich ganz spontan dazu entschieden auch die verschiedenen Bodenschichten zu entfernen und siehe da, auch hier kam ein wunderbar alter Holzboden zum Vorschein und plötzlich ist die vormals knapp 1.76 m hohe Küche über 1.90 m hoch!


Hier einige Eindrücke:


Wenn ich nun in meiner Küche stehe, ist es wie eine Reise in die Vergangenheit. Auf demselben Boden ging auch meine Urgrossmutter. Er ist uneben und die Einstiche vieler Nägel sind zu sehen. Dort, wo einst ein Durchgang zum Keller war, sind die Holzplanken anders. Aber ich sehen auch die Holzverkleidung, die meine Grosseltern eine Generation später einbauen liessen und nun existiert im selben Raum eine grosse neue Küche, eine zukünftige Hinterlassenschaft meiner Eltern. Welche Spuren werde ich wohl in diesem Haus hinterlassen?

Im Moment sind es hauptsächlich Duftspuren, denn ich lebe in der Küche. Die Küche ist der für mich wahrscheinlich wichtigste Raum eines Hauses. Auch hier kann ich mich kreativ austoben und hege schon lange diesen Traum, mein eigenes Essen anzupflanzen und zu verarbeiten. Und nun nimmt auch dieser Traum Form an und am allerliebsten würde ich sofort mit der Gartenplanung und dem Umstechen und Anpflanzen anfangen. Ich werde ungeduldig und möchte alles sofort, denn meine Vision ist so klar und ich sehe meinen Plan ganz genau Form annehmen, doch wie so oft werde ich gebremst. Der Winter ist zurückgekehrt, hat alles wieder in sein Weiss gehüllt. Mittlerweile weiss ich, dass es gut so ist, dass ich mir Zeit lassen darf, dass ich weiterträumen und Schritt für Schritt meinen Traum verwirklichen kann. Dass ich den Prozess geniessen darf, denn dieses Kapitel meines Lebens ist wahnsinnig aufregend und es wäre doch schade, wenn es allzu schnell vorbei wäre.

Also fülle ich Korb um Korb mit Brennholz, entfache das Feuer im Ofen, schnalle wieder meine Schneeschuhe an und mache mich auf neue Wege zu entdecken...

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