Glück


Wenn ich meine Texte lese, die ich vor beinahe drei Jahren geschrieben habe, habe ich ein eigenartiges Gefühl. Es ist, wie wenn ich all das gerade wieder erlebe, wie wenn diese Zeit in meinem Leben parallel zum Jetzt existiert. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass unsere Vorstellung von der Zeit, die linear verläuft, nicht stimmt. Wir haben gelernt, dass Ereignisse unseres Lebens chronologisch, also horizontal eins nach dem anderen abfolgen. Stattdessen müsse man sich die Zeit als Stapel vorstellen, also vertikal denken, und jedes Teilchen dieses Stapels bestehe zur selben Zeit. Ich entdecke diese Vorstellung der Zeit immer wieder neu und denke, dass ich vielleicht wirklich zur selben Zeit hier bin wie auch in Griechenland.

Wie dem auch sei, ich lese meine Worte und schaue die Fotos dieser Reise an und in mir drin ist so viel Liebe für diese Version von mir. Die Silvana von damals war so unglaublich traurig, als sie diese Reise antrat. In ihr klaffte eine tiefe Wunde, sie war verloren in ihrer Trauer und in ihrem Schmerz und wusste nicht mehr, wer sie war. Bei den Schildkröten hat sie zum ersten Mal seit langem wieder Glück verspürt. Sie durfte Leichtigkeit erleben und Licht in die Dunkelheit ihrer Brust bringen. Ihr System, das ein paar Monate zuvor mit dem Tod ihrer Freundin, zusammenbrach, wurde auf dieser Reise neu kalibriert und ich bin der Silvana von damals so dankbar, dass sie sich auf den Weg gemacht hat und dieses Abenteuer angetreten ist, denn ohne sie gäbe es mich nicht.


Baby-Schildkröte in Griechenland
Mit meiner ersten Baby-Schildkröte

Im Herzen der Natur

Die Natur hier in Griechenland hat ihren eigenen Puls. Ich merke wie ich mit jedem Tag, der vergeht, mehr mit diesem ganz besonderen Rhythmus zu leben beginne. Früh sind wir auf den Beinen, manchmal bevor die erste Zikade erwacht. Die Wellen schaukeln uns in den Mittagsschlaf. Der Pinienwald schützt uns vor der Sonne und sobald diese leuchtend rot hinter der Insel Zakynthos verschwindet, werden wir wieder munter. Denn es gilt die Dunkelheit und das damit einhergehende Wunder abzuwarten. Jetzt im August schlüpfen die ersten Karettschildkröten und machen sich auf ins Meer. Nur eine von tausend Babyschildkröten wird das Erwachsenenalter erreichen und, wenn es ein Weibchen ist, an denselben Ort zurückkehren, um in 15 bis 20 Jahren ihre Eier hier zu legen. Nur eine von tausend! So hat es die Natur eingerichtet. Den Schaden, den wir Menschen anrichten, ist nicht mitgezählt. Der Plastik, die Lichtverschmutzung, die Fischindustrie... all das und noch viel mehr bewirkt, dass es nicht einmal eine von tausend schaffen wird. Ich darf meinen Teil dazu beitragen, dass so viele wie möglich das Meer erreichen. Ich lege Boxen über Nester, die an lichtverschmutzten Stränden gelegt wurden, um die Kleinen dann an einem anderen, sichereren Ort auszusetzen. Ich suche Spuren und sammle Daten. Ich spreche mit den Leuten und erzähle ihnen von unserer Arbeit. Ich zeige den kleinen Geschöpfen den Weg ins Meer, indem ich einen Graben baue, wenn sie schon bei Tageslicht schlüpfen.

Gestern Nacht hatte ich meine erste Nachtschicht, die sich "Boxing" nennt. Fast alle Nester sind zu dieser Jahreszeit gelegt und die Kleinen beginnen zu schlüpfen. Normalerweise tun sie dies ohne unser Zutun. Sie folgen nämlich dem hellsten Horizont, sprich dem Meer, und der stärksten Lichtquelle, die Reflexion der Sterne und des Mondes auf dem Wasser.

In einem nahegelegenen Ferienort müssen wir die Babies ein wenig unterstützen, da sie durch das viele Licht den Weg nicht finden. Ein Team legt bei Sonnenuntergang Boxen auf die Nester, von welchen erwartet wird, dass sie bald schlüpfen. Das Nachtteam macht dann stündlich einen Rundgang, kontrolliert die Boxen und sammelt die frisch geschlüpften Schildkröten ein, um sie in einem Kübel ausserhalb des Ortes zu transportieren und in der Dunkelheit wieder auszusetzen. Dabei ist es wichtig, dass die Schildkröten den Weg alleine bewältigen. Sie müssen ihre Lungen und ihre Muskeln stärken und sich den Ort anhand des Magnetfeldes der Erde merken.

Diesen Kübel mit den kleinen Schildkröten in der Hand zu halten ist ein unbeschreibliches Gefühl. Die Kleinen aus der Box zu heben und ihre starken Körperchen zu fühlen ist wohl etwas vom Schönsten, das ich je gespürt habe. Und sie im Meer verschwinden zu sehen und nicht zu wissen, was mit ihnen geschieht, sticht mich jedes Mal in den Magen.

Aber in diesen Momenten gibt es nichts anderes, nur mich und sie und ich könnte weinen vor Glück, denn ich darf der Natur tief in die Seele schauen.


  1. Boxen werden über Nester gelegt, die heute Nacht schlüpfen könnten. (Die Steine sind dafür da, dass die vielen streunenden Hunde das Gitter nicht öffnen können.)

  2. Ein Kessel mit frisch geschlüpften Schildkröten im Licht meiner Infrarot-Stirnlampe.

  3. Ein Schildkröten-Baby macht sich bei Tageslicht auf den Weg ins Meer, einer ungewissen Zukunft entgegenblickend.

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