Überfluss

Das einfache Leben

Dieses Wochenende verbringe ich auf einem kleinen Werbetrip durch die feinsten Hotels des Peloponnes. Ich passe nicht hierher. Meine Füsse sind dreckig vom Barfusslaufen, mein Gesicht ist braungebrannt von der Sonne, meine Kleider sind von Hand gewaschen und richtig warm geduscht habe ich das letzte Mal vor Wochen. Unter meinen Fingernägeln befindet sich Sand von den Morgen- und Nachtschichten, meine Haare sind salzig und ich schlafe auf dem Boden, umschwirrt von tausenden Insekten. Jeden Tag esse ich eine Variation von Ratatouille mit Reis oder Kartoffeln, nachts liege ich auf der Düne und schaue in den Sternenhimmel. Ich lebe in einer Gemeinschaft mit Fremden, die mir jetzt gar nicht mehr fremd sind. Wenn ich traurig bin, werde ich gehalten, ich lache laut und spiele im Meer. Es ist ein einfaches Leben, das Leben im Schildkröten-Camp, aber ich brauche nicht mehr.

Nun habe ich ein Armband, das mir unbegrenzten Zugang zu sehr gutem Essen verschafft und zum ersten Mal in vier Wochen sehe ich mich im Badezimmer in einem Ganzkörperspiegel. Die Menschen hier scheinen in meinen Augen in einer Traumwelt zu leben, völlig der Realität entzogen. Sie werden zu Hause erzählen, dass sie in Griechenland im Urlaub waren, aber das wahre Griechenland haben sie gar nie gesehen. Sie haben weder eine Stunde lang auf den Bus gewartet noch die wunderschöne von Menschenhand unberührte Natur mit seinen ellenlangen Tausendfüsslern erlebt. Sie wissen nicht, dass sich in dieser Region die meisten Meeresschildkrötennester befinden und dass ihre Hotels eine grosse Gefahr für diese Tiere darstellen. Sie schauen mich an und sehen in mir ihr Personal und ich schaue sie an und bin einfach glücklich, dass ich das einfache Leben kosten darf.


Überfluss in den Luxushotels Griechenlands

Heute in umgekehrter Reihenfolge durftest du den nächsten Teil meines Schildkröten-Abenteuers für einmal zuerst lesen. Die Reise in die vier Sterne Hotels hat mich und das Leben, wie ich es jetzt lebe, sehr geprägt. Ein Teil meiner Aufgabe als Freiwilligenhelferin war es nämlich public awareness, also Öffentlichkeitsarbeit, zu leisten. Normalerweise tat ich dies an den Stränden und Orten bei uns in der Nähe. Die meisten Touristen schienen sehr interessiert an den Schildkröten und waren überrascht, dass es sie dort gibt. Alle paar Wochen aber fuhr eine Gruppe von uns in den Norden in diese Hotels, um die Menschen vor Ort über die Schildkröten zu informieren und auch um Spenden für die non-profit Organisation zu sammeln. Das Interesse und das Verhalten der Leute hier war ganz anders. Gleichgültigkeit und Sensationsstreben schlug mir oft entgegen. Entweder waren die Schildkröten ihnen egal oder aber sie interessierten sich für die Tiere, wollten bei mir aber Streichel-Touren buchen. Ehrlich gesagt hinterliessen diese zwei Tage bei mir einen ernüchternden Eindruck. Ich konnte nicht schnell genug wieder ins Schildkröten-Camp zurückkehren, in mein einfaches Zelt, in das Chaos und in den Dreck. Denn auch wenn das Leben im Camp seine Herausforderungen an mich stellte, so fühlte ich mich dort dennoch zu Hause, weil ich gemerkt hatte, dass es das ist, was ich will: Einfachheit. Ursprünglichkeit. Ein Leben in und mit der Natur.

Der Überfluss, in dem die meisten von uns in der westlichen Welt leben, wurde mir bei der Reise in die Hotels sehr klar vor Augen geführt. Natürlich ist es nicht überall so krass wie in den Luxushotels, aber ich denke, wir alle können uns noch verbessern und wieder lernen auf kleinerem Fuss zu leben. Ich habe für mich gemerkt, dass es ein stetiger Prozess ist und dass ich von mir selbst nicht verlangen darf, es perfekt zu machen, denn den perfekten Fussabdruck als Ziel zu haben, überfordert mich. Also mache ich es eben so gut es geht, gehe manchmal Kompromisse ein und nehme mich manchmal aber auch an der Nase. Brauche ich dieses neue Kleidungsstück wirklich? Oder kann ich es nicht etwa selbst machen? Brauche ich diese Kekse wirklich? Oder kann ich sie nicht etwa selbst backen? Seit ich hier in den Bergen lebe, bin ich auf den Geschmack des Selbermachens gekommen. Nicht nur habe ich begonnen mein eigenes Gemüse anzupflanzen, was für mich ein ausserordentlich belohnender Prozess ist, sondern auch meine Snacks und zum Teil meine Kleider selbst herzustellen. Vor ein paar Tagen habe ich ein Curry gekocht, das ausser den Gewürzen und der Kokosmilch nur Zutaten enthielt, die ich aus meinem Garten geholt oder im Wald gepflückt habe. Ein unschlagbares Gefühl!

Ich sage nicht, dass ihr alle vegan werden solltet oder euch nur noch zu Fuss oder mit dem Rad fortbewegen dürft. Aber ich finde es wichtig, dass wir uns alle immer wieder diesem einfacheren Leben besinnen und so unserem Planeten, unserer Mutter Erde, unter die Arme greifen. Denn sie leidet und ich weiss, dass du es auch spürst...

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